Schattenseiten der Stallregie

Text und Fotos: Günter Geyler

Nicht erst im Jahr 1968 gab es im Motorrennsport die umstrittene Stallregie. Für die Firmen spielten dabei die Namen der jeweiligen Akteure nur eine sekundäre Rolle; wichtig war der Erfolg der Marke. Wer anfangs der Rennsaison die meisten Punkte gesammelt hatte, musste dann von seinen Stallgefährten unterstützt werden. Keiner dieser Rennpiloten sollte dem vom Werk als Nummer eins bestimmten Spitzenfahrer im Rennen angreifen und ihm die Punkte wegnehmen. Bei den hohen Geldbeträgen, die die dominierenden Marken in den Rennsport investieren, wurden oftmals die Fäden im Hintergrund gezogen. Die Werke regelten diese motorsportlichen „Schauspiele“ durch Vertragsklauseln und entsprechend hohe Gagen. (Das ist natürlich auch heute nicht anders!) So lange Friede im Team herrschte und keiner der Beteiligten „aus der Schule plauderte“, merkte das Publikum nur ganz selten, dass der Kampf Mann gegen Mann nicht immer echt war. Allerdings wollte nicht jeder Werksfahrer gern die Nummer zwei im Team sein. Ein „klassisches“ Beispiel dazu – die Motorrad-Europameisterschaft 1938: Der DKW-Werksfahrer Ewald Kluge sammelte in der 250er Klasse vor dem EM-Lauf auf dem alten Sachsenring die meisten Punkte. Also sollte keiner aus dem DKW-Rennstall dem Ewald Kluge die Punkte „stehlen“. Bernhard Petruschke beklagte sich noch nach Jahrzehnten öffentlich, dass er 1938 beim Lauf in Hohenstein-Ernstthal schneller war als die Nummer eins von DKW, Ewald Kluge, und er nur auf Platz zwei das Rennen beenden musste. Keiner hatte aber den Herrn Petruschke gezwungen, den Werksvertrag bei DKW zu unterschreiben!


Die beiden "Streithähne" Ivy (178) und Read in der Achtelliterklasse und unten in der Viertelliterklasse 1968 am Sachsenring.

Zurück zur Saison 1968: Nachdem sich die japanischen Marken Honda und Suzuki vom Rennsport zurückgezogen hatten, war für den „Motorrad- und Piano-Riesen“ Yamaha (Japan) im Kampf um die Weltmeisterschaft nur noch der sächsische „Zwerg“ MZ mit dem Akteur Heinz Rosner geblieben. Als Werksfahrer für Yamaha starteten die beiden britischen Weltklassefahrer Bill Ivy und Phil Read. In den Klassen bis 125 und 250 ccm fuhren sie jeweils Vierzylinder-Maschinen. Bereits nach dem ersten WM-Lauf des Jahres 1968 auf der Südschleife des Nürburgrings, bei dem Read das 125er Rennen gewann und bei den 250ern ausfiel – Bill Ivy aber mit der 250er siegte und in der Achtelliterklasse ohne Punkte blieb - zog Yamaha die Fäden: Read sollte den WM-Titel in der 125er Klasse holen, und Ivy war auf die 250er Weltmeisterschaft angesetzt. Am Sachsenring konnte ich allerdings feststellen, dass dem kleinen Bill Ivy das 125er Motorrad besser lag als die 250er Maschine. Beim WM-Lauf in Hohenstein-Ernstthal 1968 erlebte das Publikum in der 250er Klasse ein kampfbetontes Rennen: die beiden Yamaha-Werksfahrer Read und Ivy, die mit ihren wassergekühlten Vierzylinder-Zweitaktern bereits bei den 125ern in der Reihenfolge Read vor Ivy dominierten, gaben auch in der Viertelliterklasse den Ton an. Lediglich der Erzgebirgler Heinz Rosner mit der Zweizylinder Werks-MZ konnte noch einigermaßen mithalten. An der Spitze aber lag bis zur Halbzeit Phil Read vor einem Stallgefährten Bill Ivy. Danach fuhr Read mit kochendem Kühler plötzlich an die Boxen, um Wasser nachzutanken. Bereits nach zwei weiteren Runden hing Read schon wieder im Windschatten des führenden Ivy, um bald danach wieder in Führung zugehen. Nur wenige Meter voneinander getrennt umrundeten die beiden den Ring. Im vorletzten Umlauf setzte sich der kleine Bill Ivy erneut an die Spitze und beendete schließlich das Rennen mit nur 0,1 Sekunden Vorsprung vor Phil Read als umjubelter Sieger – weil es die Stallregie aus dem fernöstlichen Japan so vorgesehen hatte. Für Read wäre es an diesem Tag leicht möglich gewesen, diesen Lauf für sich zu entscheiden...


Eine Woche später – die 1968er Weltmeisterschaft konnte keiner mehr den Akteuren der Marke Yamaha in den Klassen bis 125 und 250 ccm nehmen – kümmerte sich Phil Read nicht mehr um die vorherigen Absprachen und fuhr beim WM-Lauf in der CSSR in beiden Klassen auf Sieg. Ivy war bitter enttäuscht: „Ich verstehe nicht, dass Phil unsere Vereinbarung bricht. Ich ließ ihn den 125er Titel gewinnen – warum benimmt er sich so schlecht?“ Read meinte dazu: „Sehen wir zu, wer der bessere Fahrer ist. Wenn Bill das glaubt, dann soll er mich schlagen.“ Der Bruderkrieg zwischen den beiden Briten war ausgebrochen!

Beim WM-Endlauf in Monza sollte die Entscheidung um den 250er Titel fallen. Mit einem Sieg bei diesem Großen Preis konnte einer der erbitterten Rivalen Weltmeister werden. Bill Ivy und Phil Read sprachen kein Wort mehr miteinander. Ihre Boxen lagen weit voneinander getrennt. Obwohl sie unter gemeinsamer Flagge fuhren, tauschten sie nicht eine einzige Schraube aus. Mittlerweile waren auch die Ersatzteile für die hochempfindlichen Rennfahrzeuge schon ziemlich aufgebraucht. Für das Rennen benötigte Ivy vier Spezial-Zündkerzen, doch davon standen ihm nur noch drei Stück zur Verfügung. Also musste er mit falschen Kerzen fahren, und der Motor seiner Yamaha kam dadurch nicht mehr auf Höchstleistung. Trotzdem kämpfte Bill wie ein Löwe – und verlor! Niedergeschlagen sagte er nach dem Rennen: „Phil hat mir den WM-Titel gestohlen. Hätte ich das früher gewusst...“

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