...einer aus der alten Garde von DKW...
Text: Günter Geyler - Fotos: Archiv Geyler (4), Eggersdorfer (1)

Es war im Herbst 1949. Erstmalig erlebte ich das Sachsenringrennen. Im Lauf der Motorräder bis 250 ccm dominierte

Walfried Winkler

aus dem Rennfahrerdorf Adelsberg bei Chemnitz auf seiner Kompressor-DKW. War das eine Freude, einen Rennfahrer aus meinem Heimatort Adelsberg fahren und siegen zu sehen! Der am 25.September 1949 infizierte Motorsport-Bazillus bewirkte bei mir, dass ich mich näher mit dem Rennsport und mit meinem "Landsmann" befasste. (In Adelsberg wohnten zur damaligen Zeit außer Walfried Winkler noch die Motorradrennfahrer Arthur Geiß und Ewald Kluge).
Was ist von dem vor über 100 Jahren, am 17.März 1904 geborenen Allround - Motorsportler bekannt?
Schon bald nach Beendigung seiner Lehrzeit kam Walfried zur DKW-Generalvertretung in Chemnitz- und dort auch bald auf eine der ersten, aus dem "Reichsfahrtmodell" entstandenen Rennmaschinen. Ein einflussreicher väterlicher Freund sorgte dafür, dass Winkler Startmöglichkeiten erhielt - und der Rennfahrer-Neuling selbst bemühte sich, dass daraus Erfolge wurden, die zwangsläufig die Männer von DKW im Zschopauer Werk auf ihn aufmerksam machten. 1925 bekam er die erste Werksrennmaschine - und von da ab datiert sein Aufstieg zu einem Spitzenfahrer. Seine Erfolge trugen mit dazu bei, dass der Name DKW in aller Welt populär wurde. Das Zschopauer Werk expandierte vor dem Zweiten Weltkrieg zur größten Motorradfabrik der Welt. Mit den Zweitakt-Rennmotorrädern von DKW konnte Walfried Winkler oftmals die Viertakt-Konkurrenz empfindlich deklassieren.
Mehr als 200 Siege, darunter solche bei etwa 20 Grand-Prix-Rennen, stehen in seiner Erfolgsbilanz. Er gewann 1934 den Großen Preis von Europa im holländischen Assen und somit die Europameisterschaft (damals wurde für den Titelkampf nur ein Rennen gewertet), vier Mal war er Deutscher Straßenmeister, zwei Mal Zementbahn- und ein Mal Deutscher Motorrad-Bergmeister in den Jahren von 1925 bis 1939. Immer auf DKW-Maschinen; zunächst mit 175 ccm, dann überwiegend mit 250 ccm und schließlich 1938 auch noch mit 350 ccm, als man im Kreis der DKW-Werksfahrer zu wenige fand, die diese 38 PS Neuentwicklung richtig fahren konnten (im Bild rechts zusammen mit Siegfried Wünsche am Sachsenring 1938 und Foto unten in voller Fahrt).
In den Jahren nach 1932 stellte er - natürlich auch auf DKW - in Ungarn und Deutschland zahlreiche Weltrekorde auf. Und dass er, trotz seiner hageren Statur, nicht nur auf schnellen Rennkursen und Rekordpisten der deutschen und internationalen Konkurrenz überlegen war, sondern auch im schwersten Gelände, das bewies er bei vielen Wettbewerben, die er ebenso siegreich beenden konnte. Mit seinen beiden DKW-Stallkameraden Ewald Kluge und Arthur Geiß erkämpfte Walfried Winkler 1935 im Allgäu die Silbervase bei der Internationalen Sechstagefahrt, bei der er trotz einer bösartigen und überaus schmerzhaften Fußverletzung nicht ausstieg, sondern die sechs Tage tapfer durchstand.
Die ersten DKW-Ladepumpenmaschinen wurden von ihm gefahren und zum Sieg gebracht, später die Membranmaschine, dann die Drehschieber-250er, die Vierkolben-350er mit Ladepumpe und schließlich die Vierkolben-250er mit Centric-Kompressor. 
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Winkler aus mehrjähriger Internierung zurückgekehrt war - zu der ihm ein "guter Freund" verholfen hatte - fuhr er mit dem ehemaligen 250er Werks-Rennmotorrad, solange in Deutschland noch Maschinen mit Kompressor oder Ladepumpe zugelassen waren (bis Ende 1950), wiederum zahlreiche Rennen in Ost- und Westdeutschland. Das Kompressor-Motorrad hatte sich der Adelsberger noch im richtigen Moment aus dem Zschopauer DKW-Werk "organisiert" und somit vor dem räuberischen Zugriff der russischen Besatzer gerettet. (Jetzt kann dieses Rennfahrzeug - originalgetreu restauriert - im "museum mobile" in Ingolstadt betrachtet werden).
Im Herbst 1950 (im rechten Bild am Sachsenring 1950) verließ Winkler seine sächsische Heimat und ging zur westdeutschen Motorradfirma Victoria. 1952 übernahm er dort die Leitung der Geländesportabteilung in Nürnberg, um bei eigenen Starts erneut zu beweisen, dass er im Sattel eines Geländegespanns genauso zu Hause war wie vorher auf der Rennmaschine. In dieser Zeit belegten die Victoria-Fahrer bei allen großen Geländeveranstaltungen vordere Plätze.
Schon im Mai 1938 kam Walfried Winkler bei Nachwuchsfahrer-Prüfungen der Auto Union-Rennwagenabteilung auf dem Nürburgring im 340 km/h schnellen 16-Zylinder Silberpfeil mit dem Automobilsport in Berührung. Den erstrebten Werksvertrag erhielt er allerdings nicht. Erst 1957, nachdem die Geländesportabteilung bei Victoria aufgelöst wurde, hatte Winkler noch einmal mit rasanten Autos zu tun. Er ging zu Porsche in die Versuchsabteilung, wo er trotz seiner erreichten Jahre nicht nur die schnellen Fahrzeuge Tag für Tag über viele hundert Straßenkilometer jagte, sondern er nahm mit dem Rennsportwagen auch noch an Motorsportveranstaltungen teil. 1958 bestritt er zusammen mit Herbert Linge auf dem Porsche Spyder 550 das 1000 Kilometer-Rennen auf dem alten Nürburgring. In den darauffolgenden Jahren startete Winkler mehrmals bei der über 1000 Kilometer führende Tour d´Europa.
Im Jahr 1969 ging der Allround-Motorsportler in den Ruhestand. Mit dem Rennsport blieb er auch nach seiner Pensionierung verbunden. Wiederholt besuchte er die Treffen ehemaliger Rennfahrer. Am 14.Januar 1982 verstarb Walfried Winkler in seinem nordbayerischen Heimatort Heßdorf bei Erlangen.

Walfried Winkler erstürmt den Großglockner

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