Internationales

Sachsenringrennen 1955

Fotos: Günter Geyler


"Ich bin fast überall in der Welt gefahren, doch eine derartige Atmosphäre der Begeisterung, wie sie hier auf dem Sachsenring herrscht habe ich nirgends erlebt", das sagte Ewald Kluge, der, herzlichst begrüßt von den Zehntausenden am Start und Ziel, es sich hat nicht nehmen lassen, als Gast diesem größten Motorsportereignis des Jahres im damaligen Ostdeutschland beizuwohnen. Der Ex-Europameister und ehemalige DKW-Werksfahrer hatte diese Worte gegenüber dem "Illustrierten Motorsport" gesagt.

Für die von Ewald Kluge angesprochene " Atmosphäre der Begeisterung" sorgten 250-Tausend Besucher, die bei wunderbaren Sommerwetter recht guten Motorsport geboten bekamen.

Wenn allerdings in genannter Zeitung von "Weltklassefahrern", die zu Gast waren, gesprochen wird, so relativiert sich das doch ein wenig. Für die Gespannklasse traf das uneingeschränkt zu, aber in den Soloklassen waren es wohl kaum mehr als "zwei Hände voll", denen das Prädikat Weltklasse anhaftete. Aber der wunderbaren Atmosphäre tat dies wirklich keinen Abbruch.
Wie in jenen Tagen durchaus üblich, bestanden die Rennveranstaltungen nicht nur aus Motorradrennen, sondern es gesellten sich auch diverse Kategorien der "Vierrädrigen" hinzu. So auch am Sachsenring des Jahrgangs 1955. So begann der Renntag mit einem Rennen der 1100 ccm Sportwagenklasse. Im Volksmund wurde diese Klasse gerne als "Schlafwagenklasse" bezeichnet, was aber zumindest für dieses Rennen nicht unbedingt zutraf. Allerdings war es ein Rennen mit nur ostdeutscher Beteiligung. Der Sieger Hans Andresen aus Magdeburg war als Letzter vom Start weggekommen, startete eine tolle Aufholjagd und überquerte als Erster den Zielstrich. Es sollte das letzte Rennen dieser Klasse auf dem Sachsenring gewesen sein.
Hobl Allgemein empfindet der Rennbesucher eine Nachmeldung eines Fahrers immer als Freude. Eine besondere Freude für die Zuschauer stellte aber die Nachnennung des Ingolstädter DKW - Werksrennfahrer August Hobl dar. Den "rennsportverrückten Sachsen" war natürlich nicht entgangen, daß man Hobl durchaus in die absolute Weltspitze der Fahrer einordnen darf. An dieser Stelle möchte ich erneut einen Auszug vom bereits erwähnten "Illustrierten Motorsport" bringen, wie diese das Rennen des Bajuwaren, der eigentlich ein Hesse ist (geboren in Frankfurt/Main), gesehen haben: "Wir sind von unseren schnellen Zweitaktern aus Zschopau bestimmt allerhand gewöhnt, doch das, was der junge August Hobl mit seiner Ingolstädter DKW beim Lauf der Solomaschinen bis 125 ccm zeigte, muß man wirklich, ohne dazu zu neigen, in Superlativen zu schwelgen, als phantastisch bezeichnen. Hobl, vor drei Jahren noch ein unbekannter Monteur bei DKW, der sich seine ersten Sporen als Lizenzfahrer 1952 beim Dieburger Dreieckrennen verdiente, "amputierte" die beiden stehenden Zylinder seiner 350er DKW, so daß nur der Querzylinder übrig blieb...". So ein Ausschnitt des Bericht´s der Zeitung, die alles andere als dem Westen zugeneigt war. Immerhin hatten sie sich einen gewissen Realitätssinn bewahrt.

Auch Karl Lottes mit seiner MV (rechtes Bild oben Hobl, darunter Lottes) hatte gegen die DKW keine Chance. Er duellierte sich mit Horst Fügner, setzte sich dann auch von Fügner etwas ab, mußte aber dann wegen eines Maschinenschadens die Segel streichen. Das brachte Horst Fügner letztlich auf den zweiten Platz. Als Dritter konnte sich Altmeister Bernhard Petruschke klassieren. Nach der ersten Runde noch an neunter Stelle liegend, fuhr sich der Mann aus Kleinmachnow durch das Feld und platzierte sich noch auf dem Podest. Vierter wurde Siegfried Haase und Fünfter der Tscheche Vaclav Parus auf einer CZ. Schade nur dass der Tscheche Frantisek Bartos bereits in der zweiten Runde ausgefallen war. Er hätte vermutlich auch noch um zumindest den dritten Podestplatz mitreden können.

An dieser Stelle noch ein Zitat des bereits erwähnten "Illustrierten Motorsports":
DDR - Meister 1955 in dieser Klasse also Horst Fügner, bei dem wir hoffen, daß sich zu seinem stolzen Titel bald ein noch höherer hinzugesellen wird, nämlich der eines Meisters des Sports - Zitat Ende. Das war, zumindest teilweise, der Sprachjargon eines Journalisten aus dieser Zeit. Das war nicht etwa ein Zeichen des fehlenden Fachwissen, nein, diese "Ausdrucksweise" diente vielmehr der Erhaltung des Arbeitsplatzes.

Nach dem Rennen der Achtelliterklasse nahmen die Fahrer der Formel-3 Autos am Start Aufstellung. Dieses Rennen mit den kleinen 500 ccm Motoren versprach ebenfalls einiges an Spannung. Als Favoriten galten die beiden Kurtis aus Braunschweig, nämlich Kurt Ahrens und Kurt Kuhnke, sowie der Mannheimer Theo Helfrich. Alle Kurt drei fuhren sie einen Cooper. Dazu gesellte sich noch zum erweiterten Favoritenkreis Walter Hampel aus Wolfsburg, ebenfalls mit einem Cooper und Willy Lehmann aus Bitterfeld. Letzterer fuhr einen Scampolo. Nach dem Start lagen die beiden Braunschweiger an der Spitze, danach folgte der Mann aus Mannheim. Durch einen Unfall auf dem Hockenheimring war Helfrich noch etwas gehandicapt und die Frage lautete also: konnte "der schnelle Theo" seinen Unfall vergessen machen? Er konnte. In der siebenten Runde hatte der Mann aus Mannheim seine beiden Konkurrenten überholt. Auch in Runde acht tauchte das Fahrzeug mit der Nummer 92 als Erster aus dem Waldstück nach dem "Heiteren Blick" auf, gefolgt von Kurt Ahrens. Doch eingangs der Queckenbergkurve vor Start und Ziel bricht der Wagen von Helfrich nach links aus und rutscht einen Abhang hinunter, ein beliebter und vollgefüllter Platz der Zuschauer. Glücklicherweise wurden weder der Fahrer noch die Zuschauer schwer verletzt.
Das packende Finish gewann Kurt Ahrens (ich sollte dazuschreiben Senior, denn der Sohn, also Junior Kurt Ahrens wurde wenige Jahre später ebenfalls ein sehr erfolgreicher Autorennfahrer) mit etwa 5 Meter Vorsprung vor Kurt Kuhnke. Den dritten Platz belegte Walter Hampel, der mit schmerverzehrten Gesicht aus seinem Auto stieg. Er hatte sich im Training sein Schlüsselbein lädiert, wollte aber unbedingt das Rennen fahren. Auf dem linken Bild sehen wir Kurt Ahrens Senior. Um allen Kritikern gleich "den Wind aus den Segeln zu nehmen": das Bild stammt aus dem Jahr 1957.
Wie man bereits lesen konnte war schon einiges los am Sachsenring des Jahrgangs 1955 und ein paar Höhepunkte standen ja noch bevor. Zu diesen erwarteten Höhepunkten durfte man durchaus das Rennen in der Viertelliterklasse zählen, was im Anschluß des Formel-3 Rennens erfolgte. Helmut Als Favoriten in dieser Klasse waren die Fahrer der Einzylindrigen Sportmäxe anzusehen. Wie konkurrenzfähig diese Maschine auch in der Weltmeisterschaft war zeigt der WM-Titel von Hermann-Paul Müller auf eben solch einer NSU-Sportmax. Auch ohne "HP" konnte die Qualität des Starterfeldes überzeugen. Da waren in erster Linie der Reutlinger Hans Baltisberger, der Hannoveraner Wolfgang Brand und Helmut Hallmeier (rechtes Foto mit der Nummer 103) aus Nürnberg, welche sich Hoffnungen auf einen Sieg machen konnten. Auch der Marburger Karl Lottes hatte mit seiner DKW durchaus Chancen, zumindest von der reinen Geschwindigkeit her. Allerdings war auch bekannt, daß die DKW nicht gerade durch ihre Zuverlässigkeit glänzte. Vier Runden lang balgte sich dann Lottes mit den Sortmäxen an der Spitze herum, dann kam für den Marburger das befürchtete aus. Schnelligkeit ja, Zuverlässigkeit nein - so das Fazit der Viertelliter-DKW.
Wie spannend es beim Rennen zuging zeigt, daß der Helfer, der die Verbindung von der Zeitnahme zum Streckensprecher herstellte, voll im Streß war, so "purzelten" von Runde zu Runde die Rekorde. Vier Runden vor Schluß gelang es dann Helmut Hallmeier sich ein wenig von seiner Konkurrenz abzusetzen. Das absetzen bedeutete aber im konkreten Fall gerade einmal 3 Sekunden. Als Zweiter schaffte es Wolfgang Brand ins Ziel mit 3/10 Sekunden Vorsprung vor Hans Baltisberger. Natürlich waren die Runden- und Streckenrekorde vom Jahr vorher, gehalten von Karl Lottes respektive Fritz Kläger, deutlich verbessert worden. Helmut Hallmeier war nun alleiniger Runden- und Streckenrekordhalter dieser Klasse am Sachsenring.
Auch wenn so mancher Besucher dieser Webseite die "Originale" nicht mehr gesehen hat, die Namen dieser Fahrer sind aber für die Ewigkeit in den rennsportlichen Geschichtsbüchern zu finden. Dies trifft im besonderen Maße auf die Akteure des nun folgenden Rennens zu - jenes der Seitenwagenklasse. Während in der heutigen Zeit diese Klasse (leider) oftmals ein stiefmütterliches Dasein fristet, waren seinerzeit die Sidecars immer einer der Höhepunkte einer Veranstaltung. So natürlich auch beim 55er Jahrgang am Sachsenring. Da waren die Weltmeister des gleichen Jahres, Willi Faust mit Karl Remmert im "Boot" (Bild links mit der 53) ebenso zu sehen wie das Weltmeistergespann Faust_Remmert" von 1954, Wilhelm Noll mit Fritz Cron. Dazu gesellten sich die beiden Ottos aus Sindelfingen, Schmid mit Beifahrer Kölle, Alwin Ritter aus Speyer hatte seinen Beifahrer Edwin Blauth mitgebracht, der Franzose Jacques Drion fuhr mit der charmanten Ingeborg Stoll im Beiwagen , die übrigens Manfred Grunwald ehelichte, seines Zeichens Beifahrer von Friedrich Hillebrand. An dieser Stelle möchte ich nicht der Gerüchteküche Nahrung geben, die der tödliche Unfall des "verliebten" Jacques Drion mit eben jener Ingeborg Stoll an einer "merkwürdigen Stelle" in Brno aufkommen ließ. Um es vorweg zu nehmen - der Weltmeister 1955, Willi Faust mit Copilot "Charly" Karl Remmert boten eine Galavorstellung, der auch die Weltmeister von 1954, Wilhelm Noll mit Fritz Cron, nichts entgegen zu setzen hatten. Am Ende betrug der Vorsprung der Männer aus Oberbimbach bei Fulda eine halbe Minute gegenüber den Verfolgern Noll/Cron. Welche Klasse die beiden Weltmeistergespanne darstellten zeigt die Differenz von Noll/Cron zum Dritten, die 2,5 Minuten betragen hat. Interessant an dem drittplatzierten Gespannpaar war die Tatsache, daß der Fahrer Friedrich Staschel aus Bremerhaven kam während sein Co, Edgar Perduß, in der Messestadt Leipzig beheimatet war. Sie hatten sich erst in der letzten Runde gegen Jacques Drion und Ingeborg Stoll (Foto unten rechts) durchgesetzt. Eine solche gesamtdeutsche Gespannpaarung sollte dann ab 1961 für fast 30 Jahre leider nicht mehr möglich sein.
Drion_Stoll Nach dem Rennen der Seitenwagen folgte als 6. Lauf dieses Sachsenring-Jahrgangs 1955 das Rennen der Halblitermaschinen. Die Frage des Gewinners stellte sich hier eigentlich nicht. Zu überlegen war der BWW - Werksfahrer Walter Zeller mit seiner legendären Startnummer 21.
Die Fragen am Start lauteten da schon eher, wie groß Zeller´s Vorsprung im Ziel gegenüber den Zweitplatzierten sein wird, wer wohl den zweiten Platz erreichen wird und ob es der Hammerauer BMW - Fahrer schaffen wird, die noch bestehenden Rekorde für Strecke und schnellste Runde, aufgestellt 1950 beim gesamtdeutschen Meisterschaftslauf von Heiner Fleischmann mit einer Kompressor-NSU, zu brechen?
Die Frage bezüglich der Verbesserung der bestehenden Strecken- und Rundenrekorde konnte man nach wenigen Runden eigentlich schon ziemlich sicher mit ja beantworten. Was der Sohn eines Eisenwerksbesitzers am Sachsenring bot darf man getrost als Weltklasse bezeichnen. Im Ziel trennten ihm vom Zweiten, Ernst Riedelbauch aus dem fränkischen Grün bei Röslau, fast 2,5 Minuten. Riedelbauch fuhr wie Zeller auch eine BMW. Der als Dritter einkommende Hans-Joachim Scheel aus Apolda war schon überrundet. Bis zur achten Runde hatte der Tscheche Franta Stastny auf einer JAWA diesen dritten Platz inne, aber wegen eines technischen Defektes musste er dann "die Segel streichen". Damit war auch die Frage nach dem Vorsprung von Zeller beantwortet und wer ihn auf das Podest begleiten durfte. Walter
Zusätzlichen Respekt verdienen sich noch die Männer von damals, wenn man zum Beispiel einmal die Streckenverhältnisse betrachtet. Auf Kopfsteinpflaster und vorbei an Hauswänden gehörte damals zum Alltag. Leider verging daher auch kaum ein Wochenende, an dem nicht von einem tödlichen Unfall berichtet werden mußte.

Um der Pflicht genüge zu tun soll auch noch das letzte Rennen des Tages erwähnt werden. Hier war die Klasse der Sportwagen bis 1500 ccm am Start. Die EMW - Werke in Eisenach hatten eine Werksmannschaft an den Start gebracht und hier konnte der Sieger nur aus dieser Werksmannschaft kommen. Er hieß Edgar Barth, stammte aus Herold aus dem schönen Erzgebirge und wurde später als Porsche-Werksfahrer bekannt, indem er Europa-Bergmeister wurde. Zweiter des Rennens wurde der Eisenacher Paul Thiel, ebenfalls aus dem EMW-Rennstall und als Dritter klassierte sich der Düsseldorfer Wolfgang Seidel, der seinen privaten Porsche an den Start gebracht hatte.


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