Simson Rennmotorrad RS 81 - das Meisterwerk eines Zwickauer Privatbetriebes

Text und Fotos: Günter Geyler


Auf gar keinen Fall möchte ich mit meinem Beitrag eine Ost-West-Polemik entfachen, muss aber mit aller Deutlichkeit sagen, dass die Konstrukteure im ehemaligen Mauer-Staat DDR keinesfalls dümmer waren als ihre westdeutschen Berufskollegen. Oftmals sahen sich gerade die ostdeutschen Ingenieure und Techniker aufgrund der systembedingten Engpässe gezwungen, aus dem Nichts doch noch etwas Brauchbares zu entwickeln.

Ein Beispiel dazu sind die Simson-Rennmotorräder: In den 1950er Jahren entstanden im Suhler Fahrzeug- und Gerätewerk (später Simson) nach einem staatlichen Auftrag fünfzehn seriennahe 250er Rennmotorräder für die ostdeutschen Rennfahrer. Aus dem „unsportlichen Bauernmotorrad“ AWO 425 mit mageren 12 PS „zauberten“ die Suhler eine Rennmaschine! Bei der damals vorherrschenden Materialmisere war der Aufbau dieser fünfzehn Fahrzeuge wirklich keine leichte Aufgabe. Immer wieder musste improvisiert werden! Aus dem Viertakt-Rennmotorrad des Jahres 1952, in dem viele Serienteile Verwendung fanden, war in den Folgejahren ein richtiger konkurrenzfähiger Renner geworden, der sich allerdings sehr weit vom Serienmodell entfernt hatte. 1959 beendeten die Thüringer ihre Rennaktivitäten. Sie überließen den Rennmaschinen-Sektor der erfolgreicheren Sportabteilung des Zschopauer MZ-Werkes. In Suhl widmete man sich weiterhin mit großem Erfolg dem Gelände- und Moto Cross-Sport. Ab 1962 feierte Simson mit den kleinen Zweitakt-Geländemaschinen nationale und auch internationale Triumphe: In den Klassen von 50 bis 125 ccm glänzten die Werksfahrer bei den Europameisterschaftsläufen und holten mehrere Titel. Die verhältnismäßig kleine Sportabteilung in Suhl konzentrierte sich nur noch voll auf den Geländesport. Es gab ab Ende der 1960er Jahre einzelne Rennmaschinen mit 50 ccm, die die Markenbezeichnung Simson trugen, aber das waren keine echten Werksrennfahrzeuge, sondern "nur" gekonnte Eigenbauten auf Basis der Kleinkrafträder aus Suhl. Aufgrund motorsportfeindlicher Beschlüsse einiger einflussreicher Funktionäre durften die DDR - Rennfahrer, im Gegensatz zu den Rennsportlern aus den anderen Ostblockstaaten, keine Maschinen aus dem kapitalistischen Ausland einführen und an den Start bringen. Dass trotzdem die ostdeutschen Akteure weiterhin die von den roten Bonzen verteufelte „kapitalistische Sportart“ betreiben konnten, ist größtenteils dem Idealismus und dem Ideenreichtum der hochbegabten Eigenbauer zu verdanken. Im Straßenrennsport verschwand Ende 1983 nach einer FIM-Festlegung die Klasse bis 50 ccm.

Dafür liefen ab 1984 international Rennmotorräder mit 80 ccm Triebwerk. Bei Simson entschied man sich aufgrund der großen Erfolge im Geländesport, mit einem 80er Renner auch wieder den Rennsport zu beleben. Aus diesem Grunde entschloss sich die Suhler Kombinatsleitung Ende des Jahres 1984, einen Entwicklungsauftrag an eine auf diesem Gebiet erfahrene Firma für die neue 80er Klasse zu vergeben, ohne die eigenen Kapazitäten in der Sportabteilung zu binden. Mit der Privatfirma Löscher in Zwickau, einer renommierten Simson-Vertragswerkstatt, beauftragten die Thüringer einen Partner, dessen Firmeninhaber und Konstrukteur Bernd Göpfert selbst hervorragende 50 ccm Eigenbau-Rennmaschinen auf Simson-Basis fertigte und erfolgreich im Rennen einsetzte. In seinem kleinen Privatbetrieb arbeiteten nicht einmal 10 Personen! Die Aufgabe für Bernd Göpfert und sein engagiertes Mitarbeiterkollektiv war nicht einfach, denn es galt, ein konkurrenzfähiges Rennmotorrad unter weitgehender Verwendung von Serienteilen aus Suhl zu entwickeln. Aus dem westlichen Ausland durften lediglich die Rennreifen eingeführt werden! Beim einem internationalen Rennen im Juni 1986 in Most standen erstmals zwei bildschöne, weiße Simson-Rennmaschinen im Fahrerlager. Rein äußerlich bestachen die Motorräder, sie zeugten von solider Handwerkskunst ihrer sächsischen Erbauer. Nach anfänglichen kleinen „Kinderkrankheiten“ fuhr der Chemnitzer Jürgen Hofmann – von seinen Freunden „Speiche“ genannt - auf dem neuen Zwickauer Motorrad beim Sachsenringrennen 1986 einen ungefährdeten Start-Ziel-Sieg heraus! Es folgten bis zum Ende der Rennsaison 1989 weitere nationale und auch internationale Siege und vordere Platzierungen. Stammfahrer blieb der leichtgewichtige Jürgen Hofmann, die zweite Maschine steuerte anfangs der Grünhainer Andreas Neudert, später der Hohensteiner Peter Junghans.

Die Zweitakt-Maschine RS 81 verfügte über einen Einzylinder Drehschiebermotor, mit elektrischer Pumpe wassergekühlt, der bei 15 000 U/min 30 PS leistete. Der Hub war 43,4 mm, die Bohrung 48 mm Durchmesser. Im höchsten Gang des Sechsgang-Getriebes mit Trockenkupplung erreichte das 65 kg schwere Motorrad 200 km/h. Das Fahrzeug besaß einen Doppelrohrrahmen mit vorderer Teleskopgabel und hinterem Zentralfederbein. Die Magnesium-Gussräder trugen Scheibenbremsen: vorn zwei Scheiben 225 mm, hinten eine Scheibe 212 mm Durchmesser, dazu 8 x 18 Zoll Michelin-Reifen. Im Windkanal der Technischen Hochschule Dresden entstand nach einigen Versuchsreihen eine aerodynamisch günstige Verkleidung für die zwei „Werksrennmotorräder“.

Heute kann ein solcher 80 ccm Simson-Renner, zusammen mit der 125er Rennmaschine aus Göpferts Werkstatt, die nicht mehr zum Einsatz kam, im Fahrzeug-Museum Suhl betrachtet werden.


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