Wenn in Gesprächen
der Name der ca. 300 000 Einwohner-Stadt Augsburg fällt, denkt man automatisch an den Beiname
"Fuggerstadt" oder, im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 1972 in München, an die
Austragung der Kanuwettbewerbe auf dem Augsburger Eiskanal.Auch in Rennsportkreisen findet man sofort eine gedankliche Verbindung zu Augsburg als Geburtsstadt des ersten deutschen Motorradweltmeisters Werner Haas. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrunderts bis in die sechziger Jahre hinein durfte man Augsburg getrost als Hochburg deutscher Motorradrennfahrer ansehen. Ob Andre Ameismeier, Xaver Heiss, Otto Haas (der Bruder von Werner), "Anderl" Klaus, Peter Eser oder |
| Michael "Michel" Schneider, |
| die "Augsburger" hatten, nicht nur, aber vor allem auf deutschen Rennpisten einen vorzüglichen Ruf ob ihres fahrerischen Könnens, ihres harten aber immer fairen Einsatzes und ihrer fundierten technischen Kenntnisse, wovon später noch die Rede sein wird. |
Vom Straßengraben aus,
1957 am Sachsenring, habe ich erstmals Michael Schneider, den ich mit diesem kleinen Bericht würdigen möchte, bewundern können (Foto oben, das Rennen gewann
übrigens sein Freund Helmut Hallmeier aus Nürnberg). Damals war er noch ohne die für ihn später typische
gestreifte Verkleidung unterwegs. 1957 war auch das letzte Jahr, in dem die Verkleidung das Vorderrad
einschließen durfte. 1958, mit dem Wechsel der Verkleidungsart - das Vorderrad mußte nun sichtbar
sein - legte er sich, "auf gut neudeutsch" auch sein neues Design mit der gestreiften Verkleidung zu, was
künftig sein Markenzeichen wurde. Auf dem linken Foto sehen wir ihn mit der Startnummer 112 1959 am Sachsenring im Kreis seiner Konkurrenten "Anderl" Klaus (119), Heiner Butz (117) und Günter Beer (114). Im Rennen belegte er
den neunten Platz, als sechstbester Privatfahrer. Die drei Werks-MZ unter Hocking, Brehme und Musiol waren für
die Privatiers natürlich unerreichbar.
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Eines seiner wohl besten Rennen seiner
Karriere bot Michael Schneider beim (west)deutschen Grand Prix am 14.Mai 1961 auf dem Hockenheimring - auf
dem Foto rechts mit Jim Redman und Kunimitsu Takahashi bei der Siegerehrung. Den Siegerkranz erhielt Michael
Schneider für den ersten Platz in der gleichzeitig stattgefundenen Wertung als Lauf um die (west)deutsche
Meisterschaft. In der Gesamtwertung war das zwar "nur" Rang 11, was nach heutiger Wertung immerhin noch 5
WM-Punkte eingebracht hätte, aber dieses Resultat läßt sich nur richtig würdigen, wenn man die gesamten
Platzierungen kennt. Immerhin waren nur 10 (!) reinrassige Werksfahrer vor ihm (Honda: Takahashi, Redman, Hailwood - MZ: Degner,
Shepherd, Fischer, Weber - Morini: Provini - Benelli: Grassetti - Jawa: Havel). Der spätere (west)deutsche Meister
in dieser Klasse wurde 12. und danach folgten die weiteren Meisterschaftskandidaten wie Günter Beer, Kurt Guthier,
Horst Burkhardt, Ludwig Malchus, Siegfried Lohmann, Fritz Kläger, etc.
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| Ich denke sie können jetzt erahnen, welch großartige Leistung die Privatiers jener Tage vollbracht haben, auch wenn ihre Namen nur selten in den WM-Statistiken auftauchen. Dieser Bericht über Michael Schneider gilt übrigens für alle Privatfahrer jener Zeit, die hohe finanzielle Opferbereitschaft zeigten, um ihren geliebten Hobby, der Rennfahrerei, nachgehen zu können. Durch gute Platzierungen bei den zahlreichen, nicht zur Weltmeisterschaft gehörenden Rennen, wie oben links 1959 auf der Halle-Saale-Schleife oder 1967 beim Freiburger Schauinsland-Bergrennen konnte man dann auch ein wenig für die "Haushaltskasse" tun. |
Keine Frage, die mangelnde
Leistungsfähigkeit und die hohen Kosten des für Privatfahrer erreichbaren Maschinenmaterials
beschäftigte natürlich einen Vollblutrennfahrer wie Michael Schneider. Zusammen mit seinem Spezie
Rudolf Rollinger entwickelte er 1969 eine Viertellitermaschine, genannt "TseTse", die schnelle Fliege.
Für die erste Testfahrt konnten sie das Interesse des damaligen Augsburger Sportamtsleiter Seebald
gewinnen. Der wiederum überzeugte Colonel Traill vom nahen Gablinger US-Militärflugplatz, die 1000
Meter lange Betonpiste für Vergaser-Einstellfahrten zur Verfügung zu stellen. Der Motor leistete für
damalige Verhältnisse ansprechende 45 PS. Als "Werksfahrer" hatte man den Stadtbergener Wilhelm Atterer
gewinnen können. Das Projekt wurde auch durch eine wohlwollende Berichterstattung der "Augsburger
Allgemeinen Zeitung" begleitet. Das Foto zeigt von links Wilhelm Atterer, Michael Schneider, einen
Helfer, Rudolf Rollinger und Sportamtsleiter Seebald, erschienen am 21. April 1969 in der Augsburger
Allgemeinen. Übrigens ist das zweite Motorrad eine Achtelliterversion der "TseTse", die bereits im
Einsatz gewesen war. Leider verhinderten letztlich finanzielle Schwierigkeiten die Weiterentwicklung
des erfolgversprechenden "TseTse" Projektes.Der am 29. Dezember 1928 geborene Michael Schneider war "mit Leib und Seele" ein Rennsportbesessener im positiven Sinne. Er wurde in den frühen Sechzigern des vorigen Jahrhunderts dreifacher Deutscher Vizemeister in der Achtelliterklasse. Für ihn wäre ein Leben ohne Rennsport undenkbar gewesen. Nur drei Wochen nach seinem 77. Geburtstag, am 19. Januar 2006 ist Michael Schneider nach längerer Krankheit verstorben. Was bleibt ist die Erinnerung an einen großartigen Sportsmann, bewundernswerten Rennfahrer und Familienvater. Was mich freut, dass ich noch das Glück hatte, Michael Schneider als Aktiven bewundern zu können. Was ich bedauere ist, dass es mir leider nicht vergönnt war, diesen tollen Rennfahrer persönlich kennengelernt zu haben. |