Aalt Toersen (NL) auf der Jamathi

Dieter Braun wird verfolgt von Angel Nieto

Wir sind das Volk - anno 1970

Martin Carney (GB) und Renzo Pasolini

John Dodds, sehr erfolgreicher Australier

Rod Gould (GB) auf einer Yamaha

Zwei Italiener - Agostini vor Pasolini

Silvio Grassetti (I) auf der Werks-MZ

Nieto vor Braun und Werner Schmied (A)

Der westdeutsche Motorradrennfahrer Dieter Braun galt in Hohenstein-Ernstthal als Publikumsliebling Nummer eins. Überall, wo er sich blicken ließ, wurde er stürmisch umjubelt. Im Gegensatz dazu war sein Verhältnis zu den roten Funktionären der Sachsenring-Rennleitung geradezu eisig! Dieter Braun hatte Ende der 1960er Jahre im Rennbüro beim Anblick eines großen Bildes vom früheren DDR-„Landesvater“ Ulbricht scherzhaft zu seinem Rennfahrerkollegen Lothar John gesagt: „Schau her, Lothar, das ist hier der Rennleiter.“ Diese Majestätsbeleidigung löste bei den damals linientreuen Sachsenring-Oberen bitterste Entrüstung aus!
   

Vor 40 Jahren

Motorrad-WM-Lauf auf dem alten Sachsenring

Text und Fotos: Günter Geyler
Bei hochsommerlichen Temperaturen fand eine Woche nach dem Großen Preis von Belgien der 7. WM-Lauf 1970 für Motorräder auf dem legendären 8,6 km langen Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal statt. Wie bereits im Vorjahr standen wieder nur die fünf Soloklassen auf dem Programm. Der Lauf der 50 ccm „Schnapsglasklasse“ lief schon am Samstagnachmittag, alle anderen Klassen wurden am Sonntag gestartet.

Aufgrund der vielen Unfälle in der Saison 1970 war um den Sachsenring ein noch breiterer Sicherheitsgürtel als bisher gelegt worden. Schwer hatten es dabei die Fotografen, denen vom Pressechef und „hochintelligenten“ Polizisten geraten wurde, ihre Aufnahmen von der Pressetribüne aus zu fertigen! Einige Fotoreporter missachteten den seltsamen Vorschlag: Sie fotografierten aus Privatgrundstücken.

Die mehrgeschossigen „Privattribünen“ gab es in jenem Jahr zum letzten Mal, da sich am Samstag vor dem Rennen der 50er Klasse ein schlimmer Unfall ereignete: Eine solche Tribüne kippte mit voller Besatzung um! Rund 200.000 Zuschauer erlebten 1970 die Rennen am alten Sachsenring.

Klasse bis 50 ccm
                                                                Aalt Toersen zog auf der Jamathi gleich nach dem Start seinen Konkurrenten auf und davon. Seine Verfolger Nieto, Schurgers, Mijwaart, Kunz und de Vries konnten das vorgelegte Tempo des Führenden nicht halten. Nach sieben Runden ging Toersen als sicherer Sieger über den Zielstrich. Um den zweiten Platz kämpften Schurgers auf Kreidler und Derbi-Pilot Nieto. Obwohl Nieto all sein Können aufbot, gelang es ihm nicht, Schurgers zu bezwingen, so dass er sich mit Platz drei begnügen musste.

Klasse bis 350 ccm
                                                                                             Wie nicht anders erwartet, kam MV-Werksfahrer Agostini schon aus der ersten Runde mit einem Vorsprung von 100 Metern vor Gould, der mit seiner Yamaha wieder einmal am besten gestartet war, und Pasolini auf Benelli am Start und Ziel vorbei. Bereits eine Runde später lag Pasolini auf Platz zwei. Offensichtlich fehlten der Benelli ein paar PS, um mit der MV Agusta gleichzuziehen, denn an Pasolini lag es ganz gewiss nicht, dass Agostini seine Führung immer mehr ausbaute und nach 18 Runden 20 Sekunden vor Pasolini das Rennen als Sieger beendete. Nach diesen beiden Italienern kämpfte eine Yamaha-Gruppe mit Gould, Carruthers, Andersson, Nelson, Findlay und Hoppe. Carruthers holte sich letztlich den dritten Platz vor Nelson, Andersson und Findlay.

Klasse bis 125 ccm
                                                                                     Dieter Braun hatte auf seiner leicht betagten Suzuki den besten Start und kam 50 Meter vor Angel Nieto, der eine neue Werks-Derbi steuerte, die lange Abfahrt vom „Heiteren Blick“ herunter. Danach das große Feld mit Toersen, Jansson und Szabo. Der 1969er Weltmeister Simmonds auf Kawasaki sowie Bartusch auf der neuen Zweizylinder MZ lagen ausgangs der ersten Runde weit zurück. Während es Simmonds gelang, den Anschluss an die Spitze herzustellen, rollte Bartusch verärgert ins Fahrerlager. Aus! Gerade von dieser neuen „Waffe“ hatte man sich bei MZ hier einiges versprochen.                                    In der zweiten Runde lag Nieto kurzzeitig vor Braun in Führung, ließ sich aber ab Runde drei wieder in den Windschatten von Braun zurückfallen. Bis zur elften Runde erlebten die Zuschauer das gleiche Bild: Braun nur drei bis fünf Meter vor Nieto! Im entscheidenden letzten Durchgang lag Nieto in der Jugendkurve, rund drei km vor dem Ziel, an erster Stelle. Auf der Abfahrt vom „Heiteren Blick“ herunter ging Braun wieder an Nieto vorbei. Eingangs der Queckenbergkurve musste ein Nachzügler überrundet werden, und dort hatte Nieto die günstigere Ausgangsposition, fuhr mit allerletztem Einsatz und gewann mit hauchdünnem Vorsprung vor Dieter Braun. Jansson wurde sicherer Dritter vor Simmonds, Toersen und Bischoff.

Klasse bis 500 ccm
Im Rennen der Halbliterklasse hatte Agostini in Pasolini einen fahrerisch gleichwertigen Rivalen gefunden. Und so kamen die beiden Italiener, nur fünf Meter voneinander getrennt, an der riesigen Start-und Zieltribüne vorbei und beendeten die erste von 21 Runden. Die Privatfahrer Dodds, Carney, Barnet, Ravel und Nelson folgten. Der Rad-an-Rad-Kampf der zwei Werksfahrer, bei dem Pasolini in den Kurven wesentlich mehr riskierte als Agostini, hielt leider nur bis zur sechsten Runde an. Dann schaute Pasolini nervös auf seinen Vierzylindermotor und wurde immer langsamer. Nach dem Ausfall der Benelli verlief der Lauf recht farblos. Jeder fuhr sein Rennen für sich allein. John Dodds auf Linto war schließlich der einzige, den der Sieger Agostini nicht überrundete.

Klasse bis 250 ccm
MZ-Rennleiter Walter Kaaden setzte in der Viertelliterklasse vier Werksmaschinen ein. Gefahren wurden sie von Günter Bartusch, Dieter Braun, Laszlo Szabo und erstmals von dem Italiener Silvio Grassetti. Doch keine MZ, sondern vier Yamahas unter Andersson, Gould, Carruthers und Rosenbusch standen in der ersten Startreihe. Wieder hatte Gould den schnellsten Start und übernahm die Führung vor Bartusch, Braun, Andersson, Bult und Grassetti. Carruthers und Saarinen lagen zu diesem Zeitpunkt etwas weiter zurück und rollten das Feld von hinten auf. In der fünften Runde hatte Carruthers die Spitze erreicht und lag hinter Gould auf Platz zwei. Eine Runde später ging er in Führung. Hinter den beiden Spitzenreitern hielt eine Vierergruppe durch ständige Positionswechsel die Zuschauer in Spannung. Zu dieser Gruppe gehörten Grassetti, Andersson, Saarinen und Braun. Drei Runden vor Ende des Rennens streikte Carruthers Maschine. So ging Gould wieder in Führung und konnte nach 15 Runden als Sieger vor Grassetti, Andersson und Saarinen abgewinkt werden. Dieter Brauns MZ-Motor gab noch in der letzten Runde den Geist auf. Dadurch kam Bartusch auf den fünften Platz.

Nach diesem Motorrad-WM-Lauf 1970 schien die Sonne leider nur noch zwei Jahre auf den alten Sachsenring…




zur Homepage