Sachsenring 1966

Text und Fotos: Günter Geyler
Vor 40 Jahren erlebten 200 000 Zuschauer das größte ostdeutsche Motorsport-Fest des Jahres 1966; den Motorrad-Weltmeisterschaftslauf auf dem alten Sachsenring.
Mit einem großen Maschinenaufgebot, aber nur einem Werksfahrer - Giacomo Agostini – erschien der italienische Rennstall MV Agusta 1966 am Sachsenring. Der Brite Mike Hailwood, der ein gutes freundschaftliches Verhältnis zu dem Italiener Agostini unterhielt, merkte recht bald, dass der


Bill Ivy vor Phil Read, Luigi Taveri, Yoshimi Katayama und Hugh Anderson in der 125er Klasse

MV-Rennchef und zum Teil auch die Monteure ihren Landsmann bevorzugten und wechselte daraufhin Anfang 1966 zum japanischen Motorrad-Gigant Honda über. Dort wurde er mit einer Mammutaufgabe betraut, denn er musste in drei Klassen (250, 350 und 500 ccm) an den Start gehen und dabei bei den 350ern und den 500ern allein gegen seinen einstigen Stallkameraden Agostini kämpfen. In der Viertelliterklasse fuhr neben Hailwood noch der Brite Stuart Graham mit der verwaisten Sechszylinder Honda von Jim Redman, der zwei Wochen vor dem Sachsenringrennen beim WM-Lauf in Belgien gestürzt war.
Nachdem in der Rennsaison 1965 die 125er Vierzylinder Honda erfolglos blieb, erschienen die Japaner 1966 mit einem Fünfzylinder Viertakter. Außer dem Schweizer Luigi Taveri steuerte der Ire Ralph Bryans dieses Achtelliter Motorrad.
Klasse bis 125 ccm
40 Akteure stellten sich dem Starter zum Wettbewerb über 12 Runden. Die Werksfahrer der japanischen Firmen Suzuki und Yamaha mussten mit ihren Zweizylinder Zweitaktern gegen die Viertakter der Honda-Piloten ankämpfen. Nicht der Trainingsschnellste, Luigi Taveri auf Honda, führte nach der ersten Runde, sondern der Sachsenring-Neuling Bill Ivy vor seinem britischen Landsmann Phil Read, beide auf Yamaha. Ab Runde zwei konnte sich der „Altmeister“ Taveri an die Spitze setzen und seinen Vorsprung vor den jüngeren Konkurrenten immer mehr vergrößern. Im Laufe des Rennens glückte es dem japanischen Suzuki-Fahrer Yoshimi Katayama, im Kamikaze-Stil Position zwei vor Ivy und Read zu erobern. Die vielen ostdeutschen Privatfahrer auf der Einzylinder MZ landeten im Mittelfeld.
Klasse bis 250 ccm
Auch in der Viertelliterklasse trafen erneut Zweitakt- und Viertaktmaschinen aufeinander. Der auf vielen Rennmotorrädern erfolgreiche Mike Hailwood (Fotos unten) behauptete auf der Sechszylinder Honda von der ersten bis zur letzten, der 15. Runde, die Führung vor Phil Read, der mit der Vierzylinder Yamaha keine Chance gegen seinen Landsmann sah und am Schluss als Zweiter die Ziellinie überquerte.

Ein großartiges Rennen um Platz drei lieferten sich der Erzgebirgler Heinz Rosner auf der Zweizylinder MZ und der Kanadier Mike Duff, der die vorjährige luftgekühlte Zweizylinder Yamaha steuerte. Leider stürzte Rosner in der Stadt Hohenstein-Ernstthal und musste somit den dritten Rang dem Rivalen aus Kanada überlassen. Nach dem Honda-Fahrer Stuart Graham holte sich der unglückliche MZ-Werksfahrer Rosner trotzdem noch einen beachtlichen fünften Platz.
Klasse bis 350 ccm
Im 18 Runden-Rennen der Klasse bis 350 ccm führte Agostini (Foto unten) mit der Dreizylinder MV Agusta bis zur Runde acht vor Hailwood, der die Vierzylinder Honda steuerte und im Windschatten des Italieners fuhr. Ab Runde neun setzte sich der Engländer an die Spitze und versuchte, seinem Rivalen davonzufahren. Mit etwa 30 Metern Vorsprung beendete Hailwood den nächsten Umlauf, doch dann musste er die Honda mit Motorschaden abstellen. Agostini fuhr nun einen ungefährdeten Sieg entgegen, denn die nächstfolgenden, die Tschechen Gustav Havel und Frantisek Stastny, die auf ihrer Zweizylinder Jawa ein privates Rennen unter sich austrugen, lagen weit zurück, aber noch vor den beiden italienischen Aermacchi-Piloten Renzo Pasolini und Alberto Pagani. Mit einer Runde Rückstand belegte Stastny vor seinem Landsmann Havel Platz zwei.
Klasse bis 500 ccm
Im Rennen der Halbliterklasse über 20 Runden hingen anfangs die beiden Weltklassefahrer Giacomo Agostini und Mike Hailwood (Foto unten links) wie die Kletten aneinander. Leider aber hielt Hailwoods Vierzylinder Motor nur fünf Runden. Agostini lag nun mit der Dreizylinder MV einsam an der Spitze. Frantisek Stastny (Foto unten rechts) fuhr an diesem Tag sein 3.Rennen (vorher 250 und 350 ccm) und erkämpfte auf der Jawa Twin in Runde elf den zweiten Platz vor den beiden Australiern Jack Findlay (Matchless) und Jack Ahearn (Norton). Nach dem 17.Umlauf musste er sich allerdings auch von dem führenden Italiener überrunden lassen. Nachdem Agostini die 19. und damit vorletzte Runde beendet hatte, machte sich Rennleiter Hans Zacharias fertig zum Abwinken des Siegers. Doch anstelle von Agostini kam Stastny auf der Jawa ins Ziel geschossen und wurde fälschlicherweise abgewunken, obwohl der erst die 19. Runde beendet hatte. Im Durcheinander der Ereignisse schickte der Rennleiter den Tschechen und dessen Mitstreiter für eine weitere Runde ins Rennen. Anschließend beschloss die Juri, nur 19 Umläufe zu werten, und dabei passierte sowohl der Rennleitung als auch den Verantwortlichen von MV Agusta ein peinlicher Fehler, so dass die 19 Runden des in der Schlussrunde gestürzten Agostini unberücksichtigt blieben und somit der Tscheche Frantisek Stastny den Sieg „erbte.“ Trotz der Fehlentscheidung der Rennleitung gab es wohl keinen, der dem tapferen Frantisek diesen seit Jahren angestrebten Erfolg nicht gönnte!

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