Vor 50 Jahren:

Großer Preis von
Deutschland auf dem
Sachsenring 1959

Text: Günter Geyler

Fotos: Günter Geyler, John Hempleman

Das Sachsenringrennen am 30. August 1959 für Solo-Motorräder, Seitenwagengespanne und Rennwagen lief als Großer Preis von Deutschland, obwohl bereits am 14. Juni 1959 in Hockenheim ein Weltmeisterschaftslauf für Motorräder und Gespanne mit allen Werksteams als Großer Preis von Deutschland veranstaltet wurde. Ein weiterer Grand Prix von Deutschland rollte am 2. August 1959 auf der Westberliner Avus als Weltmeisterschaftslauf für die Formel 1. Dazu stand noch ein internationales Rennen für die 1500er Rennsportwagen auf dem Programm. In Hohenstein-Ernstthal wurden im Jahr 1959 allerdings keine Weltmeisterschaftspunkte vergeben, auch fehlten die Werksteams aus Italien. Lediglich die komplette MZ-Rennmannschaft aus Zschopau startete auf dem Sachsenring. Für die Freunde des Automobil-Rennsports gaben die Formel 3-Rennpiloten mit ihren 500 ccm Rennwagen ihre Abschiedsvorstellung.
Acht Wochen vor dem Sachsenringrennen stürzte der beste MZ-Werksfahrer der Viertelliterklasse, Horst Fügner, beim Training zum Weltmeisterschaftslauf in Spa-Franchorchamps (Belgien) so schwer, dass damit seine aktive Rennfahrerlaufbahn beendet war. Die anderen MZ-Werkspiloten aus der DDR, Ernst Degner, Werner Musiol, Walter Brehme und Hans Fischer, konnten Horst Fügner zumindest in der 250er Klasse nicht ersetzen. Ab 1959 steuerte auch der Schweizer Weltklassefahrer Luigi Taveri, bisher nur auf Viertaktern unterwegs, die Werks-MZ. Auf die zur Weltspitze entwickelte 250er MZ, die 1959 auf eine Leistung von 41 PS bei 10000 Touren kam, setzte Rennleiter Walter Kaaden mit unterschiedlichem Erfolg weitere gute Leute aus dem Ausland. Ein „goldener Griff“ gelang dem MZ-Rennchef mit dem Norton-Privatfahrer Gary Hocking (Foto rechts) aus Rhodesien, der den sensiblen Hochleistungs-Zweitakter sofort beherrschte und damit bei den Weltmeisterschaftsläufen in Schweden und Irland siegte.
In beeindruckender Manier steuerte der MZ-Neuling sein Zweizylinder-Motorrad mit stets gleichem Radius um die Kurven des alten Sachsenrings und fuhr einen überlegenen Start-Ziel-Sieg heraus. Er zeigte trotz seiner einsamen Führung vollen Einsatz und war schneller als der Gewinner der 350er Klasse, der Norton-Privatfahrer John Hempleman (Foto links) aus Neuseeland, der nach dem Ausfall des führenden Tschechen Frantisek Stastny vor weiteren sechs Norton-Privatfahrern im 350er Lauf dominierte. Hockings Rivalen sahen in der Viertelliterklasse keine Chance, ihn zu halten. Ernst Degner, dem die 250er MZ nicht so auf den Leib geschneidert war wie die kleinere 125er, lag bis zu seinem Ausfall fünf Runden vor Schluss des Laufes auf dem zweiten Platz vor Walter Brehme. Der Schweizer Luigi Taveri musste seine Werks-MZ mit Kettenschaden abstellen, nachdem er Position drei eingenommen hatte. Im Ziel lagen nur noch zwei Fahrer mit dem Sieger in einer Runde: Walter Brehme auf Platz zwei und danach der Sieger der 125er Klasse, Werner Musiol (Foto unten).
Gary Hocking startete 1959 auf dem Sachsenring in drei Soloklassen an einem Tag - das war früher keine Seltenheit(!) - und blieb in jenem Jahr der erfolgreichste Rennpilot bei diesem Großen Preis, denn neben einem dritten Platz in der 350er Klasse hinter John Hempleman und dem Australier Bob Brown gewann er auf seiner Norton auch noch den Lauf der Halbliterklasse vor den Norton-Fahrern Jim Redman (Rhodesien), John Hempleman und Peter Pawson (Neuseeland). In diesem Rennen der weltbesten Privatfahrer mit sechzehn Einzylinder-Norton und drei Boxer-BMW stellte der favorisierte Australier Eric Hinton auf der 500er Norton – Leistung 50 PS - vorerst einen neuen absoluten Rundenrekord mit 155,45 km/h auf, musste aber nach Halbzeit des Laufs seine Führung infolge Motorschadens an Hocking abgeben. Auch Tom Phillis (Australien) und Paddy Driver (Südafrika) erreichten nicht das Ziel. So kamen die BMW-Fahrer Dickie Dale (England) und Ernst Hiller auf die Plätze fünf und sechs.
Nach dem Sachsenringrennen kaufte die italienische Firma MV Agusta das neue Fahrgenie Gary Hocking von MZ weg (Foto links). Beim Schleizer Dreieckrennen, das reichlich zwei Monate vor dem Sachsenringrennen stattfand, lieferten sich im Lauf der 125er Klasse die beiden MZ-Spitzenfahrer Ernst Degner und Luigi Taveri einen erbitterten Zweikampf und überquerten im „toten Rennen“ gleichzeitig als Sieger den Zielstrich. Heute gibt es aufgrund der hochpräzisen elektronischen Messgeräte keine toten Rennen mehr! Das Publikum in Hohenstein-Ernstthal erwartete 1959 im Lauf der Achtelliterklasse die beiden MZ-Piloten an der Spitze des Feldes, doch Werner Musiol ging in Führung und ließ sich auch nicht mehr vom Spitzenplatz verdrängen. Ernst Degner hatte einen sehr schlechten Start, spielte aber sein fahrerisches Können aus und landete schließlich hinter Musiol auf Rang zwei, noch vor seinem Markenkollegen Hans Fischer und dem MZ-Privatfahrer Dietmar Zimpel. Taveri belegte nach einem Kerzenwechsel und einer sehenswerten Aufholjagd Platz fünf.
Die neuen 1959er Gespann-Weltmeister, Schneider / Strauß, wollten auf dem Sachsenring ihre Siege von 1957 und 1958 wiederholen. Leider aber brach im Rennen an ihrem BMW-Gespann eine Verkleidungsstrebe und beeinträchtigte die Lenkbarkeit. Sie mussten die Box aufsuchen und verloren dort wertvolle Zeit. An einen Sieg konnten die beiden nicht mehr denken! Nach der Misere der Westdeutschen kamen für die rote Rennleitung ganz bestimmt Glücksmomente auf, denn jetzt führten zwei Schweizer BMW-Gespanne, und „ideologische Probleme“ waren somit ausgeschlossen. Das Rennen gewann das Paar Camathias / Cecco (Foto oben) vor Scheidegger / Burkhardt und den deutschen BMW-Fahrern Deubel / Höhler und Fath / Wohlgemuth. Schneider / Strauß kamen nach harter Verfolgungsfahrt noch auf Platz fünf.
Ab 1950 bereicherten die kleinen, aber schnellen Formel 3-Flitzer mit Ein- und Zweizylinder-Motoren die Sachsenring-Veranstaltungen. Lediglich 1956 lief in Hohenstein-Ernstthal kein Automobil-Rennen. Der frühere Sandbahn-Motorradrennfahrer Kurt Ahrens,sen. galt als der erfolgreichste Formel 3-Akteur auf dem Ring: Er siegte in seinem 500er Cooper in den Jahren 1953, 1955 und 1957. Beim 1959er Rennen dominierte der Finne Curt Lincoln mit seinem Einzylinder-Cooper unangefochten vor den Cooper-Piloten Kurt Ahrens, jun. und dem Belgier Jos Saveniers. Damit wiederholte Lincoln seinen Vorjahreserfolg. Drei Edelbastler aus dem Raum Dresden stellten im Lauf der Formel 3 ihre handgefertigten Prototypen der neuen Formel Junior mit dem 900er Dreizylinder Wartburg-Motor vor. Das von Heinz Melkus (Foto links) präsentierte Rennauto bestach dabei durch äußerliche Schönheit! Neu für das Publikum war der bisher unbekannte Zweitaktsound bei Rennwagen in diesem „Großen Preis von Deutschland“. Ab 1961 kehrte der ADMV wieder auf den Boden der Realität zurück: Die Sachsenringrennen liefen dann als Großer Preis der DDR…

So sieht ein Sieger von 1959 heute aus...
John Hempleman in seinem Heim in Neuseland

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