Paton 500

Text und Fotos: Günter Geyler
Unter den vielen Rennmotorrädern „von gestern“ fand ich im Fahrerlager eines Classic Grand Prix, im Volksmund Veteranenrennen genannt, diese wunderschöne unverkleidete 500er Paton.

Paton 500cc Die Geschichte der Halblitermaschine aus Italien begann 1957, als sich am Saison-Ende die drei italienischen Motorradhersteller Gilera, Moto Guzzi und Mondial vom Motorrad-Rennsport zurückzogen. Chefmechaniker Giuseppe Pattoni und Konstrukteur Lino Tonti, die bei Mondial maßgebend an der Motoren-Entwicklung beteiligt waren, verloren ihre Arbeit und beschlossen, sich selbständig zu machen. Aus den ersten Buchstaben ihrer beiden Namen setzte sich der neue Firmenname Paton zusammen. Vorerst fertigten die beiden in einer Werkstatt in Mailand Rennmotorräder der kleinen Klassen – 125 und 175 ccm. Im Jahr 1958 fuhr der unvergessene Mike Hailwood bei den englischen Rundstreckenrennen erfolgreich eine solche 125er Einzylindermaschine mit zwei obenliegenden Nockenwellen.

Fred Stevens Der Name Paton blieb auch, als Tonti Ende 1958 als Chefkonstrukteur zu Bianchi ging. Es klingt nahezu märchenhaft: Mit nur einem befähigten Rennmechaniker, dem früheren Rennfahrer Gianemilio Marchesani, baute Pattoni weiterhin Einzylinder Rennmaschinen mit Viertaktmotoren. Etwa fünf solcher Motorräder verließen pro Jahr die kleine Mailänder Produktionsstätte. Nach seinen Angaben und Zeichnungen ließ Pattoni alle Einzelteile, aber auch die Rahmen seiner Rennfahrzeuge, von Spezialfirmen in ganz Italien anfertigen. In der Rennsaison 1964 erschien der Italiener mit einem bulligen 250er Zweizylinder Viertakter mit zwei obenliegenden Nockenwellen, und letztlich 1966 kam Giuseppe Pattoni mit der Halbliter Rennmaschine an die Pisten.

Billie Nelson Das Motorrad hat einen Viertakt-Parallel-Zweizylindermotor mit zwei obenliegenden Nockenwellen, die durch Zahnräder angetrieben werden. Die Ventile sind voll gekapselt. Weitere Merkmale: die Doppelzündung und ein Sechsgang-Getriebe. Der Motor dreht bis 10 500 U/min. Mit der 140 kg schweren Maschine wird eine Spitzengeschwindigkeit von 245 km/h erreicht. Präzise PS-Zahlen konnte Pattoni niemals angeben, denn er besaß keinen Prüfstand. Materialstörungen an dem Motorrad waren so gut wie ausgeschlossen, denn alle Teile sind reichlich dimensioniert und präzise bearbeitet. Eine Kurbelwelle hielt fünf Rennen durch, ehe man sie einer Nachprüfung unterzog.
Die beiden Erbauer aus Mailand reisten während einer Saison tausende Kilometer, um ihre Kunden zu betreuen. Einer der ersten WM-erprobten Privatfahrer, der diesen kompakten Twin auf den Rennstrecken bewegte, war der Brite Fred Stevens (Foto mit der Nr. 22). Im Jahr 1967 erkämpfte Angelo Bergamonti auf der 500er Paton die italienische Meisterschaft. Zusammen mit Fred Stevens steuerte der Italiener auch bei den Läufen zur Motorrad-Weltmeisterschaft diesen Apparat.In der Saison 1969 belegte ein weiterer Engländer, Billie Nelson (Foto mit der Nr. 15), mit der 500er Zweizylinder Paton bei den WM-Rennen in Frankreich, der DDR und Finnland jeweils hinter dem MV-Werksfahrer Giacomo Agostini und dessen Dreizylinder Maschine zweite Plätze und lag am Ende auf WM-Rang vier.

Inzwischen eroberte ein weiteres handgefertigtes Rennmotorrad aus Italien die Halbliterklasse: Es war die von dem genialen Konstrukteur Lino Tonti entwickelte Zweizylinder Linto, mit der die Privatfahrer in der WM-Wertung beachtliche Erfolge erzielten.


12.04.2010Homepage