In
den letzten Jahren schossen Veteranenrennen wie die Pilze aus der Erde. Auch in
Deutschland gab es schon solche Veranstaltungen in Hockenheim, Schotten und Schleiz mit hochkarätigen
Motorrad-Rennpiloten von gestern. Oftmals erlebt dabei das Publikum so manchen
kuriosen Stilbruch, denn viele ältere Rennfahrer erscheinen (natürlich aus Sicherheitsgründen) mit ihren
historischen Rennmaschinen, tragen aber dazu farbige Lederkombis, die erst ab
1970 in Mode kamen, und Sturzhelme allerneuester Prägung!
 Eric Oliver mit Beifahrer Les Nutt in Hockenheim 1954
Ich
kann mich glücklich schätzen, die ganz großen Akteure der
Motorradweltmeisterschaft anfangs der 1950er Jahre noch mit schwarzer
Lederkombination und Halbschalen-Sturzhelm im Fahrerlager und auf der Strecke
erlebt zu haben. Gern denke ich dabei an das Rhein-Pokal-Rennen 1954 in
Hockenheim zurück. Dieses Rennen war „nur“ ein deutscher Meisterschaftslauf
(der Große Preis von Deutschland lief 1954 auf der Stuttgarter Solitude),
glänzte aber mit einem großartigen Aufgebot vieler Champions aus Italien und
England. So stellten sich die italienischen Weltmeister Nello Pagani, Enrico
Lorenzetti und Carlo Ubbiali mit ihren Werksmotorrädern dem Starter. Aus
England kamen die Motorrad-Champions Fergus Anderson, Cyril Smith und der
viermalige Gespann-Weltmeister Eric Oliver.
Der
Brite erschien mit einem vollverkleideten Norton-Gespann in der Spargelstadt
Hockenheim. Im spannendsten Rennen des Tages, im Lauf der Seitenwagengespanne,
lieferte er sich mit seinen deutschen Rivalen Wilhelm Noll und Friedrich
Hillebrand von der ersten bis zur letzten Runde erbitterte Kämpfe und konnte
erst wenige Meter vor dem Ziel die beiden BMW-Besatzungen bezwingen. Wilhelm
Noll als Zweitplatzierter lag mit seiner
unverkleideten Maschine am Zielstrich nur einen halben Meter hinter dem
Norton-Werksfahrer!
Im
Fahrerlager stellte sich der britische Weltmeister von 1949, 1950, 1951 und
1953 mit seinem 54er Beifahrer Les Nutt bereitwillig den Fotografen.
Fachjournalisten und Kameraleute bewunderten dort seine wunderschöne Norton, die bei 6500 U/min 50 PS leistete.
Eine
Woche vor dem 1954er WM-Lauf auf der Stuttgarter Solitude beteiligte sich
Oliver am deutschen Meisterschaftsrennen am Feldberg im Taunus. (Er fuhr gern
in Deutschland – das Publikum begeisterte ihn). Dort erlitt er einen Unfall,
brach sich dabei den linken Arm und war anschließend für einige Wochen an das
Krankenbett gefesselt. Dermaßen gehandicapt konnte er bei den
noch
ausstehenden WM-Läufen der 54er Saison keine weiteren Siege erkämpfen. So
begann mit dem deutschen Werksfahrerpaar Wilhelm Noll / Fritz Cron die nur
selten unterbrochene BMW-Zeit im Seitenwagen-Rennsport. Eric Oliver hätte für
eine fünfte Weltmeisterschaft nur noch einen Sieg benötigt, denn von den sechs
ausgeschriebenen Grand Prix des Jahres 1954 kamen damals nur vier in die
Wertung, und vor seinem Sturz gewann Oliver die WM-Rennen in England, Irland
und Belgien.
Begonnen
hat der am 13. April 1911 geborene Draufgänger bereits vor dem Zweiten
Weltkrieg als „Solist“ auf englischen Grasbahnen. Danach wechselte er zum
Straßenrennsport über. Er bevorzugte dabei die englischen Motorräder Vincent,
Norton und Velocette.
Nach
dem Krieg fuhr Oliver Seitenwagenrennen – und bis 1949 weiterhin auf dem
Solo-Motorrad. Seit Beginn der Motorrad-Weltmeisterschaft 1949 dominierte er
mit dem Norton-Gespann auf den WM-Pisten und darüber hinaus bei internationalen
Rennen in Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Spanien und in der Schweiz,
nur in Deutschland nicht. Erst ab 1951, nachdem die Bundesrepublik in den
internationalen Motorradsportverband FIM aufgenommen wurde, startete er auch
auf deutschen Rennstrecken.
Sein WM-Beifahrer der ersten
Stunde war der bärtige britische Motorsport-Journalist Denis Jenkinson, der
sechs Jahre später mit Stirling Moss im Mercedes Rennsportwagen SLR 300 die
Mille Miglia gewann. 1950 und 1951 saß der Italiener Lorenzo Dobelli in Olivers
Beiwagen-Boot.
Im
Jahr 1952 musste Eric Oliver die Weltmeisterschaft kampflos an seinen Landsmann
Cyril Smith abgeben, da er sich bei einem Rennen in Frankreich den Fuß
gebrochen hatte und somit bei einigen Grand Prix nicht starten konnte.
Ein
Jahr später erkämpfte sich Oliver, diesmal mit dem Engländer Stanley Dibben als
Beifahrer, wieder die meisten Siege gegen die Norton-Mitstreiter Cyril Smith, Pip Harris (England), Hans
Haldemann (Schweiz), Jacques Drion (Frankreich) und gegen die stark
aufkommenden westdeutschen BMW-Fahrer Ludwig Kraus, Wilhelm Noll und Friedrich
Hillebrand. Schon damals driftete der Seitenwagen-Champion mit allerletztem Einsatz
um die Kurven und gewann seine Rennen auch gegen Rivalen, die über
leistungsstärkere Maschinen verfügten. Die Italiener mit der wesentlich
stärkeren Vierzylinder Gilera konnten die Kraft ihres Motorrads gegen Oliver
nicht voll ausspielen: Sie mussten sich größtenteils von dem erfahrenen,
wagemutigen Briten mit seiner PS-unterlegenen Einzylinder Norton geschlagen
geben. Nicht alltäglich waren seine Tricks, um auf der unverkleideten Maschine
– die er bis 1953 fuhr - den Luftwiderstand zu verringern: Er nahm auf den
Geraden die Füße von den Rasten und legte sich flach auf sein Motorrad!
Nach
seinem „Schicksalsrennen“ am Feldberg 1954 und der entgangenen
Weltmeisterschaft versuchte Eric Oliver mit Seitenwagen - Passagier Les Bliss (Bild links)
aus England Anfang 1955 noch einmal sein
Glück, doch inzwischen dominierten die deutschen BMW-Gespanne und sein ewiger
Herausforderer Cyril Smith auf den internationalen Rennpisten. Die ganz großen
Erfolge blieben aber aus.
Eric
Oliver hatte 17 Grand-Prix-Siege im wahrsten Sinne des Wortes erkämpft, als er
sich noch vor dem Ende der Saison 1955 als Motorradhändler ins Privatleben
zurückzog. Beim Restaurieren eines seiner Motorräder erlag der viermalige
Weltmeister am 9.September 1980 einem Herzinfarkt. Er war einer der größten Gespannfahrer!
|