Rennsporthelden ohne WM-Titel

Teil 2

Text und Fotos: Günter Geyler


Bekanntlich gibt es Hochgeschwindigkeitspisten, auf denen die Rennpiloten mit PS-überlegenen Motorrädern von vorn herein im Vorteil sind . In Deutschland waren das der alte Hockenheimring und die frühere Avus mit jeweils zwei Geraden und zwei Kurven sowie der Grenzlandring bei Aachen, ein großes Oval ähnlich der amerikanischen Kart-Bahnen. Im Gegensatz dazu zeigen die so genannten „Fahrerstrecken“ (ganz egal, ob es sich hierbei um permanente Pisten oder aber um Naturrennstrecken handelt) den wahren Unterschied zwischen Spitzenfahrern und den weniger guten Akteuren. Auf einem solchen Rennkurs kann ein talentierter Pilot oftmals mit einem schwächeren Motorrad fehlende Pferdestärken mit Fahrkönnen ausgleichen. Die fahrerisch anspruchsvollste Motorrad-Rennstrecke der Welt ist die 60 Kilometer lange englische Tourist Trophy auf der Insel Man. Als die „kleine TT“ galt bis Mitte der 1970er Jahre der Brünner Kurs in Tschechien mit seinen Ortsdurchfahrten Bosonohy, Veselka, Kohoutovice (einem „Fotografenparadies“), Pisarky und Novy Liskovec. Wer in Brünn die 13,9 Kilometer lange Piste beherrschte, gehörte wirklich zu den ganz Großen im Motorradrennsport. Zwei internationale Spitzenfahrer, die nicht zu Weltmeisterehren kamen, überzeugten mich auf dieser Piste mit ihren beachtlichen Siegesfahrten:

Janos Drapal

freundlicher Drapal Beim wohl aufregendsten Rennen auf dem alten Sachsenring im Jahr 1971 stand der damals 23jährige Ungar Janos Drapal im Lauf der 250er Klasse mit seiner Zweizylinder Yamaha hinter den Stars Phil Read, Dieter Braun, John Dodds und Rodney Gould (alle auf Yamaha) in Startreihe zwei, und die wenigsten nahmen Notiz von dem Mann aus Budapest. Das Hauptinteresse des Publikums galt der Triumphfahrt des Dieter Braun, der bei diesem denkwürdigen Rennen die gesamte Weltelite schlug. Eine Woche später lief auf der alten Brünner Rennstrecke ein weiterer Weltmeisterschaftslauf. Bedauerlicherweise erlebten dort die etwa 100 000 Zuschauer ein zünftiges Regenrennen. Diesmal startete Janos Drapal neben Silvio Grassetti, (MZ), Dieter Braun und Bernd Tüngethal (MZ) aus der ersten Reihe heraus. Erstaunlich: Drapal kam ganz allein aus Runde eins zu Start und Ziel zurück. Sollte es etwa einen Massensturz gegeben haben? Keinesfalls! Der führende Ungar fuhr so beherzt, als gäbe es gar keinen Regen und deklassierte die internationale Spitzenklasse, die auf dieser überaus anspruchsvollen Piste absolut keine Chance gegen den Regenspezialist Drapal hatte. Er gewann mit Riesenvorsprung vor seinem Landsmann Laszlo Szabo und dem Finnen Jarno Saarinen. Bei weiteren WM-Läufen bewies Janos erneut seine Klasse. So siegte der Ungar in Salzburg und auch zwei Mal auf der gefährlichen Strecke in Opatija in Jugoslawien. Natürlich gewann Drapal auch die meisten Rennen, die ab 1973 in Hohenstein-Ernstthal, in Schleiz und in Frohburg nur noch für die Teilnehmer aus den Ostblockstaaten ausgeschrieben waren.  Bei diesen Veranstaltungen musste sich der Allround-Motorsportler, der im Sommer Motorradrennen bestritt und im Winter für eine Fachzeitschrift internationale Automobile testete, gegen seine immer stärker aufkommenden Landsleute, gegen ein paar wilde Burschen aus Kuba, aber auch gegen hervorragende Eigenbauer aus der ehemaligen DDR durchsetzen. Im Spätsommer 1985 verlor der sympathische Spitzenfahrer Janos Drapal bei einer internationalen Motorrad-Rennveranstaltung auf dem Flugplatz in Piestany (Slowakei) bei einem Rennunfall sein Leben (Fotos: in Brno 1971 links unten und 1972).


Teuvo Länsivuori vor Phil Read und Giacomo Agostini 1973 in Brno

Teuvo Länsivuori

Der rothaarige Finne Teuvo Länsivuori stand Anfangs der 1970er Jahre etwas im Schatten seines Freundes und Landsmanns Jarno Saarinen, der von 1972 bis zu seinem tragischen Todessturz in Monza im Mai 1973 als Werksfahrer Nummer eins mit der Yamaha glänzte. Im Gegensatz zu Saarinen freundlicher Länsivuori besaß Länsivuori bis Ende 1973 keinen Werksvertrag, er wurde lediglich vom finnischen Yamaha-Importeur gesponsort. Trotzdem verfügte der bärtige Finne keinesfalls über minderwertiges Maschinenmaterial. Bei den Presseleuten war Länsivuori aufgrund seiner Schüchternheit weniger populär. Außerdem beherrschte er nur seine Heimatsprache und war nie ein Mann vieler Worte. Auf der Rennmaschine hingegen zeigte er Mut und Schnelligkeit. Beim Weltmeisterschaftslauf in Brünn 1973 galten in der 350er Klasse die beiden Stars Giacomo Agostini und Phil Read mit ihren Viertaktern von MV Agusta als die haushohen Favoriten. Wie erwartet, lag auch in der ersten Runde ein roter Renner aus Gallarate an der Spitze: Read führte vor dem Finnen Länsivuori. Dahinter Agostini auf Platz drei. Bereits im nächsten Umlauf erschien „Länsi“ mit seiner hochdrehenden Zweitakt Yamaha plötzlich als erster und hatte schon einen beachtlichen Vorsprung vor den sieggewohnten MV Agusta-Werkspiloten herausgefahren. Die Massen an der Rennstrecke waren von dem draufgängerischen Fahrstil des Finnen begeistert! Zum Erstaunen der Zuschauer fielen hingegen die beiden MV-Stars immer weiter zurück. Mit einer halben Minute Vorsprung vor Agostini und Read  überquerte schließlich der damals 27jährige Rotschopf aus Finnland als Sieger die Ziellinie. Im Jahr 1974 bekam Teuvo Länsivuori endlich von Yamaha einen Werksvertrag. Er fuhr nun mit dem Serienweltmeister Giacomo Agostini, der sich Ende 1973 von MV Agusta trennte, in einem Team. Bevor der Finne 1975 zu Suzuki überwechselte (hier blieben allerdings WM-Siege aus) hatte er in der Zeit von 1971 bis 1974 auf Yamaha, teils als Privatfahrer, teils als Werkspilot, in den Klassen bis 250, 350 und 500 ccm insgesamt acht Grand-Prix-Läufe gewonnen. Nachdem sich im Jahr 1978 keine überragenden Erfolge mehr einstellten, zog sich 1979 Länsivuori vom Grand-Prix-Sport zurück. (Fotos unten: Länsivuori 1973 in Brno)


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