Motorradrennsporthelden ohne WM-Titel

Text und Fotos: Günter Geyler

Ihre Namen findet man nicht in den Tabellen der Titelträger der Motorrad-Weltmeisterschaft, und dennoch schrieben auch sie mit überragenden Leistungen Rennsportgeschichte, ähnlich wie der „ungekrönte König“ des Wagenrennsports, Stirling Moss, der einer der besten Piloten auf vier Rädern war, sich aber nie mit einem WM-Titel schmücken konnte. Die Motorrad-Straßenrennfahrer, die mir als solche Helden in all den Jahren der Weltmeisterschaft besonders aufgefallen sind – diese Einschätzung ist natürlich subjektiv – waren (chronologisch geordnet) Ray Amm, Walter Zeller, Frantisek Stastny, Bob Mc Intyre, Florian Camathias, Jack Findlay, John Dodds, Santiago Herrero, Renzo Pasolini, Bruno Kneubühler, Teuvo Länsivuori, Janos Drapal, Randy Mamola und Ralf Waldmann. Zwei dieser internationalen Spitzenfahrer aus den 1950er Jahren sollen hier mit ihren für mich beeindruckenden Rennen noch einmal beleuchtet werden:

Ray Amm, Rhodesien

Wie bereits 1952 fand auch 1954 der Weltmeisterschaftslauf auf Deutschlands Motorrad-„Fahrerstrecke“ Nummer eins, der Stuttgarter Solitude, statt. Der hagere Rhodesier Ray Amm startete, wie 1952, als er nach einem spektakulären Trainingssturz einige Wochen das Stuttgarter Krankenhaus „bewohnte“ - wieder auf dem Werksmotorrad von Norton in den beiden großen Klassen (350 und 500 ccm).
Im Rennen der 350er hatte der Rhodesier nach dem Ausfall der sieggewohnten Moto Guzzi-Werksfahrer Fergus Anderson (England) und Ken Kavanagh (Australien) keine Probleme mit den AJS-, Horex- und Norton-Akteuren. Obwohl Ray Amm in diesem Lauf sein Motorrad kurzzeitig auf den Stuttgarter Asphalt legte, gewann der „Mann ohne Nerven“ (so wurde er von den Fachjournalisten genannt) dieses Rennen. Die 500er Klasse war für den hochtalentierten Norton-Werksfahrer eine echte Herausforderung, musste er doch hier mit seinem Einzylinder-Motorrad gegen die maschinell überlegenen Rennfahrzeuge aus Italien (Gilera, MV Agusta, Moto Guzzi) und ihre bisher erfolgreichen Piloten ankämpfen. Der Brite Geoffrey Duke galt als haushoher Favorit: Er fuhr die Vierzylinder Gilera, die schnellste Maschine im Feld der 500er. Duke war bekannt als ein „Fahrgenie“. An der Spitze des Rennens donnerte er jedoch nicht einsam um den 11,5 km langen Berg-und Talkurs. Am Hinterrad der Gilera klebte die Norton von Ray Amm, der im wahrsten Sinne des Wortes auf der allerletzten Rille fuhr. Seine Schräglage in den Kurven wirkte beängstigend!
Der wilde Rhodesier ging sogar für einige Runden in Führung und glich fehlende Pferdestärken mit seiner Tollkühnheit aus! Erst in der Schlussrunde gelang es Geoffrey Duke, wenige Meter Vorsprung herauszufahren und Ray Amm zu besiegen. Der aber distanzierte mit seiner „Federbett“- Norton alle weiteren Weltklassefahrer, die mit wesentlich stärkeren Rennmotorrädern den schwierigen Solitude-Kurs umrundeten. Fünf Wochen später lag der Norton-Mann auf dem Norisring bei Nürnberg im Rennen der Halbliterklasse ganz einsam in Führung. Das war diesem beherzten Burschen zu langweilig! Er steuerte bei Halbzeit des Laufes seine Box an. Es gab aber nichts zu reparieren; seine Norton lief einwandfrei. Ray Amm genehmigte sich ein Glas Milch, gab seiner Frau Jill ein Küsschen und rollte mit seiner aggressiven Fahrweise das Feld von hinten auf, um als Sieger die Ziellinie zu passieren.
Nach solchen Glanzleistungen verpflichtete 1955 die Firma MV Agusta den am 10. Dezember 1927 geborenen Draufgänger aus Rhodesien als Werksfahrer für die 350er und 500er Klasse. Bei seinem ersten Rennen auf der italienischen Vierzylinder Maschine kam Ray Amm am 11. April 1955 in Imola mit dem 350er Motorrad zu Sturz. Diesmal musste der sechsmalige Grand-Prix-Sieger seinen sportlichen Einsatz mit dem Leben bezahlen...

Walter Zeller, Deutschland

Auf der 22,8 km langen Nordschleife des Nürburgrings, die mit ihren 174 Kurven und 300 Metern Höhenunterschied als die anspruchsvollste, aber auch schönste Automobil- und Motorradrennstrecke Deutschlands galt, lief 1955 wiederum das internationale Eifelrennen als „Gemischtveranstaltung“ und vier Wochen später der Weltmeisterschaftslauf für Motorräder.
Der stets humorvolle Oberbayer Walter Zeller aus Hammerau fuhr beim Eifelrennen im Lauf der Halbliterklasse mit seiner unverkleideten Boxer BMW (Foto oben) einen glanzvollen Start-Ziel-Sieg heraus. Mit augenscheinlicher Leichtigkeit und Eleganz steuerte er den schwer zu beherrschenden Querläufer um den Ring, der ein Optimum an Können erfordert. Dabei demonstrierte der BMW-Spitzenfahrer den „klassischen“ Fahrstil: Mann und Motorrad bildeten eine Linie, die Knie blieben am Tank. (Nichts da mit „Beinchen biege dich“ oder anderen Praktiken). In den Kurven zeigte Zeller maximale Schräglage, die allerdings durch die seitlich herausragenden Zylinder der Maschine begrenzt war. Keiner seiner Gegner aus dem In- und Ausland, der in diesem deutschen Meisterschaftslauf ebenfalls eine BMW oder aber die Norton lenkte, war fahrerisch in der Lage, den überlegenen Bayern von der Spitzenposition zu verdrängen. Bei Regen wäre der Schlechtwetter-Spezialist Gerold Klinger aus Österreich, ebenfalls auf BMW, ein ernst zu nehmender Rivale gewesen, doch die Veranstaltung fand bei strahlendem Sonnenschein statt. So aber deklassierte Walter Zeller seine gesamte Konkurrenz!
Würde er auch einen Monat später beim Weltmeisterschaftslauf auf dem Nürburgring erfolgreich sein? Diesmal reiste die Weltelite der Motorradrennfahrer in die Eifel. Die italienischen Firmen Gilera und MV Agusta setzten ihre besten Werkspiloten auf die überaus schnellen Vierzylinder Kraftpakete. Als Titelverteidiger erschien Geoffrey Duke mit der Gilera. Der Höhepunkt des Rennens: Walter Zeller mit der PS-unterlegenen BMW jagte den Weltmeister Duke, der mit Rekordrunden versuchte, sich von dem Rivalen aus Bayern zu lösen, doch der ließ sich nicht abschütteln! Der Sieger des Weltmeisterschaftslaufs hieß Duke. Zeller aber hatte alle weiteren Vierzylinder-Piloten zu Statisten degradiert. 1956 erkämpfte der Weltklassefahrer aus Hammerau die Vizeweltmeisterschaft (Foto rechts).
Ein Jahr später musste er aus familiären Gründen den Rennsport aufgeben. Nachdem sich Gilera Ende 1957 vom Grand-Prix-Sport zurückzog, saß auch Geoffrey Duke bei einigen Rennen auf der BMW, doch an den fahrtechnischen Eigenheiten der Maschine mit dem querläufigen Boxermotor fand der sechsmalige Weltmeister keine rechte Freude: Die von ihm und BMW erhofften großen Erfolge blieben aus. Rückblickend kann ich sagen: Es gab, von ein paar „Eintagsfliegen“ abgesehen, nur zwei Rennfahrer, die die 500er Solo BMW hundertprozentig beherrschten; Georg Meier und Walter Zeller.
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