Günter Geyler schreibt über den letzten NSU - Weltmeister

HP Müller - der Renntiger


So nannte man in den 1950er Jahren den Allround-Motorsportler H.-P. Müller. In Fachkreisen war der beliebte Sportsmann nur unter dem Namen HaPe bekannt. Was verbirgt sich hinter den zwei Buchstaben H.-P.? Es sind die Vornamen Hermann-Paul! Im Gegensatz dazu liest und hört man heute die verrücktesten Versionen. Nach dem Motto „Zeit ist Geld" unterlassen es einige Journalisten, aber auch Redakteure des Deutschen Sport-Fernsehens, korrekt zu recherchieren und erfinden statt dessen ganz einfach neue Vornamen für den Champion, wie zum Beispiel Hans-Peter.

HP Der echte HaPe war schon in jungen Jahren vom Motorsport-Virus infiziert. Vorerst galt sein ganz besonderes Interesse den Motorrädern mit Seitenwagen. Bald gehörte er in dieser Kategorie zu den Besten seiner Klasse. Bereits 1932 erkämpfte sich Hermann-Paul im Alter von 22 Jahren auf einer Victoria in der Gespannklasse bis 600 ccm den Titel eines Deutschen Meisters. Seine außerordentlichen Leistungen blieben von den Verantwortlichen der Werksrennabteilungen natürlich nicht unbemerkt. Ende 1935 war der junge Draufgänger Mitglied der DKW-Werksrennmannschaft. Er wurde auf die große 500er Zweitaktrennmaschine gesetzt und holte sich damit 1936 die Deutsche Meisterschaft. HaPe startete aber auch bei den großen internationalen Geländewettbewerben auf dem wassergekühlten Werksmotorrad, einer für Geländeverhältnisse umkonstruierten Rennmaschine. Bei der Internationalen Sechstagefahrt 1936 rund um Freudenstadt errang Müller eine Goldmedaille. Sowohl mit dem Gelände- als auch mit dem Rennfahrzeug zeigte er hervorragende Einsätze. Als sich DKW aus der Halbliterklasse zurückzog (die Maschine wurde auf 350 ccm „heruntergebuchst" und in dieser Klasse zur Weltspitze gebracht) blieb H.-P. Müller dem Motorsport trotzdem weiterhin erhalten: Bei Nachwuchsprüfungen der Auto Union-Rennwagenabteilung auf dem alten Nürburgring überzeugte er auch mit dem legendären 16Zylinder-Rennwagen, so dass er vom Chef dieser Abteilung, Dr. Karl Feuereissen, einen Vertrag als Nachwuchsfahrer bekam. Er startete nun in einer Mannschaft mit den Größen des Wagenrennsports wie Hans Stuck, Bernd Rosemeyer und Ernst von Delius. Sein erster Erfolg mit dem Sechsliter Auto war 1937 ein dritter Platz in Pescara (Italien). Nach dem tragischen Tod des Auto Union Werksrennfahrers Nummer eins, Bernd Rosemeyer, wurde HaPe ab 1938 die Nummer zwei hinter dem neu verpflichteten hochtalentierten Italiener Tazio Nuvolari. Zusammen mit dem Mantuaner Nuvolari, Hans Stuck und Rudolf Hasse steuerte Müller jetzt den Zwölfzylinder Rennwagen nach der ab 1938 geltenden Dreiliter-Formel. In jenem Jahr hatte er einen bösen Sturz beim Grand-Prix in Frankreich. Ein Jahr später feierte das neue Talent der Auto Union beim gleichen Rennen seinen ersten und einzigen Rennwagen-Sieg, denn der Zweite Weltkrieg, der am 1. September 1939 begann, beendete den friedlichen Wettstreit der Männer und Motoren...

HP Nach diesem furchtbaren Völkermorden und dem schrecklichen Ende für Deutschland gab es in Sachsen die alte Auto Union nicht mehr, und die so genannten „sowjetischen Freunde“ kassierten im Herbst 1945 die legendären Zwickauer Silberpfeile! H.-P. Müller wollte seinen geliebten Sport weiter betreiben. Für ihn blieben, wie bereits vor seiner Auto Union-Zeit, wieder die Motorradrennen. Aus den Resten einer Vorkriegs-Renn-DKW und einem NSU-Kompressor baute er sich in mühevoller Arbeit und unter großen finanziellen Opfern eine 250er Rennmaschine auf, mit der er 1947 und 1948 erneut Deutscher Meister wurde. Im Jahr 1950 baute das Ingolstädter DKW-Werk eine Rennabteilung mit den Vorkriegs-Rennpiloten H.-P. Müller, Ewald Kluge und Siegfried Wünsche auf. Müller holte 1950 und 1951 in der Klasse bis 125 ccm die Deutsche Meisterschaft. Danach zeigte der „Renntiger“ auch als Privatfahrer auf einer 125er Mondial und ein Jahr später auf der 350er Horex hervorragende Leistungen, so dass eine Verpflichtung vom Grafen Agusta für die 500er Werksmaschine aus Gallarate im Spätsommer 1953 zu ihm ins Haus kam. Beim einzigen Rennen auf der Vierzylinder MV beim Weltmeisterschaftslauf in Monza war sein sechster Platz auf dem ungewohnten italienischen Superrenner ein voller Erfolg! Jetzt klopfte auch die NSU-Rennabteilung bei ihm an. Mit 44 Jahren war der am 21. November 1909 geborene Klassefahrer der älteste Akteur der 1954er Rennmannschaft, zu der noch die Weltmeister Werner Haas, Ruppert Hollaus und der ehemalige Privatfahrer Hans Baltisberger gehörten. Müllers Ausbeute: Jeweils WM-Rang drei in der 125er und der 250er Klasse und dazu noch Deutscher Meister bei den 350ern.

HPAuf dem linken unteren Foto sehen wir "HP" ganz rechts am Start zum Norisringrennen. Links neben ihm Rupert Hollaus und daneben Werner Haas.

Nachdem sich NSU Ende 1954 werksseitig vom Rennsport zurückzog, gab es für den Altmeister noch kein Aufhören: Er besorgte sich bei NSU eine seriennahe Einzylinder Sportmax, die im Gegensatz zu den Werks-Rennmodellen nicht die Rennabteilung, sondern die Serien-Versuchsabteilung entwickelte. (NSU baute davon eine Kleinserie und lieh diese Motorräder an gute Privatfahrer aus). Mit dieser Sportmax beteiligten sich einige Spitzenfahrer wie Sammy Miller (der spätere Trialkönig), John Surtees, Hans Baltisberger und H.-P. Müller privat an der Weltmeisterschaft. Sie trafen dabei auf dieHP Werksfahrer von Moto Guzzi und MV Agusta. Natürlich startete Müller mit der Sportmax auch auf den westdeutschen Pisten. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Norisringrennen in Nürnberg 1955: H.-P. Müller schraubte allein an dem NSU-Rennmotorrad. Lediglich seine Ehefrau Mariele unterstützte ihn dabei. Als ich mich mit dem sympathischen Sportsmann unterhielt, legte er den Schraubenschlüssel aus der Hand und gab mir, wie ein väterlicher Freund, bereitwillig Auskunft über seine Situation in der Motorrad-Weltmeisterschaft! Damals musste ich keinen Pressesprecher bemühen und vor einem bewilligten Termin mein Gesprächsthema anmelden!!! Vollkommen auf sich allein gestellt – eine Solidarität gab es unter den NSU-Privatfahrern leider nicht, und demzufolge war sich jeder selbst der Nächste – erkämpfte der 45jährige Renntiger 1955 den Weltmeistertitel. Allerdings wurde dieser Titel erst zur FIM Herbstsitzung 1955 vergeben, nachdem das oberste Motorradsport-Organ den HP bis dahin als Champion angesehenen MV Agusta – Werksfahrer Bill Lomas seinen Sieg beim Weltmeisterschaftslauf in Holland nachträglich annullierte. (Lomas hatte bei dem Grand-Prix regelwidrig mit laufendem Motor nachgetankt). Nach dem erfolgreichen Saisonabschluss erklärte der neue Weltmeister H.-P. Müller seine Rennfahrer-Karriere für beendet und gab dem Motorradwerk in Neckarsulm die vielbestaunte Sportmax zurück. Zusammen mit Wilhelm Herz beteiligte er sich im August 1956 auf einem ausgetrockneten Salzsee im US-Staat Utah an Weltrekordfahrten. Der Renntiger verbesserte auf dem „fliegenden Liegestuhl“ von NSU, bestückt mit 50 und 125 ccm Motoren,   die bestehenden Weltrekorde von 50 bis 250 ccm.

Hermann-Paul Müller, Träger des silbernen Lorbeerblatts, das ihm 1957 überreicht wurde, verstarb am 30. Dezember 1975.


die WM-Resultate von HP Müller

Rang Jahr Marke Klasse Resultate
15 1952 Mondial 125 cc Spanien 5.
17 1953 MV-Agusta 500 cc Italien 6.
3 1954 NSU 125 cc Ulster GP 2. - Niederlande 2. - Deutschland 4.
3 1954 NSU 250 cc Frankreich 2. - TT 4. - Ulster GP 3. - Niederlande 5. - Schweiz 3.
1 1955 NSU 250 cc TT 3. - Deutschland 1. - Niederlande 4. - Ulster GP 6. - Italien 4.


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