Die Tragödie von Monza 1973

Es war am 20. Mai 1973 beim Großen Preis von Italien in Monza. Vor dem Start zum Rennen der Viertelliterklasse hatte sich bei einigen Fahrern des Starterfeldes eine merkwürdige Unruhe breit gemacht. Fatalerweise sollte sich aber erst kurz nach dem Start die Ursache der Unruhe aufklären.

Mit einem Blitzstart war der Deutsche Dieter Braun in das um 15,15 Uhr gestartete Rennen gegangen. Die anderen Fahrer folgten. Es lief bis dato ab wie sonst auch bei den einzelnen Läufen. Als aber aus der ersten Runde nach  Dieter Braun, in voller Fahrt, einige Fahrer in langsamer Fahrt auftauchten und aus der "Curvone" deutliche Rauchwolken auftauchten, wusste jedermann bei Start und Ziel - da muss etwas passiert sein.

Erste, wie so oft widersprüchliche Meldungen, berichteten von einem Massenunfall, bei dem einige Fahrer verletzt worden wären und zur Beobachtung in ein Krankenhaus gebracht werden müssten.
Nach mehr als 30 Minuten kam von der Rennleitung die schreckliche Nachricht, dass es bei einer Massenkarambolage neben einigen verletzten Fahrern leider auch zwei Todesopfer gegeben hat:
den Italiener Renzo Pasolini und den Finnen Jarno Saarinen.
Nach dieser schrecklichen Nachricht der Rennleitung bekam auch die eingangs erwähnte Unruhe im Fahrerfeld ihre ganz besondere Bedeutung.

Der Australier John Dodds und noch einige andere Fahrer und Journalisten hatten beim vorangegangenen Rennen der 350 ccm Klasse bemerkt, dass Walter Villas Maschine Öl auf die Fahrbahn verstreute. Villa selbst hatte später von einem leicht verölten Hinterrad gesprochen und das er das Rennen nur beendet hatte, weil nur noch 3 Runden zu fahren waren. Auch Villas Team hatte den Ölverlust bemerkt, ihm aber keine dies bezügliche Tafel angezeigt. Niemand ahnte zu dem Zeitpunkt, welche möglichen Folgen dies eventuell haben könnte. John Dodds hatte nach dem Rennen bei der Rennleitung wegen des Ölfilms auf der Strecke vorgesprochen, war aber wegen des knappen Zeitplans nicht ernsthaft erhört worden. Danach hatte er versucht, so viel wie möglich Fahrer auf den Streckenzustand hinzuweisen. Ob John Dodds Hinweise von den Fahrern so kurz vor dem Start noch auf offene Ohren gestoßen waren, lässt sich nicht sagen.
Auch lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es letztlich der Ölfilm war, der zum Unfall führte.
Der Japaner Hideo Kanaya, auch Starter in dem Rennen, meinte dazu, dass sich plötzlich Pasolinis Maschine quer gestellt hatte - quer gestellt an einer Stelle wo dies normalerweise nicht passiert - und dem unmittelbar folgenden Saarinen touchierte. Beide wurden in die sehr nahe stehenden Strohballen geschleudert und wieder zurück auf die Strecke. Für die folgenden Fahrer blieb praktisch keine Ausweichmöglichkeit. Sie rasten größtenteils in die umher liegenden Trümmerteile. Bleibt zum Schluss dieses kurzen Rückblicks nur die Feststellung, dass die Rennleitung bei dem Rennen auf der ganzen Linie versagt hatte. So wurde zum Beispiel der führende Dieter Braun, der nichts von dem Unfall bemerkt hatte, nicht etwa von Streckenposten durch entsprechende Flaggenzeichen auf den Unfall aufmerksam gemacht, sondern durch den beherzt gegen die Rennrichtung laufenden und die Arme schwingenden John Dodds zum Anhalten veranlasst.
Wenn sich auch nicht mit absoluter Sicherheit die Unfallursache feststellen lässt - Fahrfehler und technischer Defekt an Pasolinis Maschine standen unterschwellig auch noch zur Debatte - ,ein schwarzer Tag in der Rennsportgeschichte bleibt dieser 20.Mai 1973 allemal.
Wenn man dieser Tragödie überhaupt etwas Positives abgewinnen kann, dann ist es die Tatsache, dass das Sicherheitsdenken der Fahrer durch das Drama von Monza erheblich geschärft worden ist. So gesehen war der Tod der beiden großartigen Piloten nicht völlig umsonst....
Wie der kürzliche Unfall und Tod des Japaners Daijiro Kato uns aber immer wieder vor Augen hält, einen absolut sicheren Rennsport wird es leider auch künftig nicht geben, trotz aller verbesserten Sicherheitsvorkehrungen.
Fotos: Pasolini, Saarinen, Braun (ganz oben) - Saarinen (mitte) - Pasolini (unten)




Jarno Saarinen

* 11.Dezember 1945

Jarno war ein ganz großes Fahrtalent. Überall, wo er startete, brachte das Publikum dem freundlichen Finnen Bewunderung und Sympathien entgegen. Er musste für seine Karriere hart kämpfen. Als Privatfahrer – das war er bis 1972 – überholte der rennfahrende Ingenieur Saarinen oftmals bis nachts eigenhändig sein Rennmotorrad.
Im Fahrerlager übernachtete er in seinem Lieferwagen. Jarno nahm viele Entbehrungen auf sich, um einmal ein ganz Großer zu werden. Das wurde er, als es ihm 1972 wiederholt gelang, den Serienweltmeister Giacomo Agostini und dessen MV Agusta-Werksmaschine in der Klasse bis 350 ccm mit der von einem finnischen Importeur bereitgestellten Yamaha zu schlagen. Jarno Saarinen erkämpfte in jenem Jahr außerdem in der 250er Klasse die Weltmeisterschaft. Als Champion wollte er sich Ende 1972 vom Straßenrennsport zurückziehen, doch ein Werksvertrag von Yamaha veränderte Anfang 1973 seine Absichten. Schon einmal saß Saarinen auf einem Werks-Rennfahrzeug: Die Marke Kreidler verpflichtete ihn für die letzten zwei Weltmeisterschaftsläufe der Saison 1971, um dem favorisierten Holländer Jan de Vries beim Kampf um die WM-Krone in der Klasse bis 50 ccm Schützenhilfe zu leisten.
Mit dem 350er Werksmotorrad gewann Jarno 1973 in Daytona die Super-Veranstaltung in Florida und wenig später auch den 750er Lauf in Imola (Italien). In beiden Rennen fuhr er den Konkurrenten, die mit 750er Apparaten unterwegs waren, nahezu spielerisch davon.
Bereits beim ersten Weltmeisterschaftslauf 1973 in Frankreich dominierte Saarinen mit der neuen 500er Yamaha. Beim verzweifelten Versuch, dem schnellen Finnen zu folgen, stürzte Agostini. Eine neue Epoche in der Halbliterklasse hatte begonnen; endlich gab es wieder Spitzenkämpfe, die leider am 20. Mai ihr Ende fanden. Jarno Saarinen gewann in der Saison 1973 bis zu diesem schwarzen Sonntag alles, was zu gewinnen war – und verlor letztlich auf der Rennstrecke sein Leben!

Renzo Pasolini

* 18.Juli 1937

“Paso” war ein Held ohne WM-Titel. 1972 belegte er in der Weltmeisterschaft der 250er Klasse hinter Saarinen den zweiten Platz. Bei den 350ern stand er im Schatten von Agostini. Renzos Fahrstil war spektakulär: Er versuchte stets, fehlende Pferdestärken mit Wagemut auszugleichen. Seine italienischen Landsleute bedachten ihn mit Ovationen, wenn es ihm bei den traditionellen Frühjahresrennen in Italien gelang, seinen Rivalen Agostini zu bezwingen. Dabei kämpfte er verbissen, um den Ruf des „ewigen Zweiten“ abzuschütteln. (Allerdings zählten diese Frühjahres- Veranstaltungen nicht zur Weltmeisterschaft).
Pasolini galt unter den Rennfahrern als ein Patriot, denn er startete nur auf Motorrädern italienischer Herkunft. Seine Karriere begann der Italiener auf der 250er und 350er Aermacchi. Danach bekam er von Benelli einen Werksvertrag und steuerte 1969 die 250er und ein Jahr später die 350er und 500er Vierzylindermaschine. Nachdem sich Benelli vom Straßenrennsport zurückzog, ging Pasolini wieder zu Aermacchi. Vorerst blieben die Erfolge aus, doch ab 1972 war er in beiden Klassen (250 und 350 ccm) wieder unter den Besten zu finden.
Der Durchbruch zur internationalen Spitze gelang ihm. Er wollte einmal Weltmeister auf einem italienischen Motorrad werden. Fahrerisch befand sich Renzo Pasolini auf dem Weg nach ganz oben. Um so tragischer sein Todessturz am 20.Mai 1973 auf der Monzabahn!
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