Ewald Kluge und die DKW
Text: Günter Geyler
Fotos: Auto Union (4), Günter Geyler, Heiner Rehwagen (1)

Wer die AUDI-Stadt Ingolstadt besucht, wird dort eine Straße vorfinden, die nach dem Motorrad-Rennfahrer Ewald Kluge benannt ist. Auch in dem Dresdener Vorort Weixdorf (dem früheren Lausa) gibt es seit einiger Zeit eine solche Straße in unmittelbarer Nähe des Geburtshauses des Motorsportlers.

Wer war dieser Ewald Kluge? Ältere Rennsportfreunde werden sich gern an den großartigen Rennfahrer, aber auch an den bescheidenen, freundlichen Sachsen erinnern, der trotz seiner großen Erfolge nicht das Rampenlicht suchte. Im Alter von zwanzig Jahren begann der am 19. Januar 1909 geborene Ewald Kluge seine Laufbahn mit einer englischen Dunelt, stieg aber schon ein Jahr später auf eine Ladepumpen DKW um, mit der er als Privatfahrer bis 1934 viele Siege einfuhr. Das Geld für seinen Sport sparte er sich, als jüngster Taxifahrer Dresdens, in diesen schlechten Jahren tatsächlich vom Mund ab. Ab 1934 arbeitete Ewald bei DKW in Zschopau als Monteur. Dort bekam er gelegentlich ein Werksmotorrad geliehen, und endlich 1936 einen Werksvertrag. Am Ende des Jahres hieß der Deutsche Meister der 250er Klasse Ewald Kluge. Von da an erkämpfte er, größtenteils gegen seine Stallgefährten, viermal hintereinander den begehrten Titel bis 1939. Dazu kam 1938 noch die Deutsche Berg-Meisterschaft, denn Kluge bezwang mit der 250er DKW den Großglockner (Foto links) schneller als alle seine Konkurrenten, die teilweise mit kubikstärkeren Motorrädern den Kampf gegen die Uhr aufnahmen.

In Australien gewann er im Winter 1937 jedes Rennen, in dem er an den Start ging. Dorthin reiste der DKW-Werksfahrer aber nicht mit dem Flugzeug, sondern auf einem Kohlendampfer! In den Jahren 1938 und 1939 dominierte Kluge international in der Viertelliterklasse. Beim schwersten Motorradrennen der Welt, der englischen Tourist Trophy, erkämpfte er sich 1938 als erster Deutscher seinen größten Sieg. Bei den meisten zur Europameisterschaft ausgeschriebenen Wertungsläufen, die der heutigen Weltmeisterschaft entsprechen, holte sich Kluge die Maximal-Punktzahl und somit die EM-Titel 1938 und 1939. Darüber hinaus wurde er in beiden Jahren noch „Meister der Meister“. Diese besondere Ehrung erwies man dem Fahrer, der bei der Punktewertung für die Europameisterschaft die meisten Punkte aller Klassen errang.

Ewald Kluge bei der TT auf der Isle of Man 1938
Nicht nur auf dem Rennstrecke, sondern auch im Gelände zeigte der Sachse auf dem Zschopauer Motorrad hohes fahrerisches Können. Mit seinen Stallgefährten Arthur Geiß und Walfried Winkler gewann Kluge 1935 bei der Internationalen Sechstagefahrt die Silbervase. (Damals bestritten die Rennfahrer nicht nur Straßen- und Bergrennen, sondern außerdem noch Geländewettbewerbe). Im Mai 1938 absolvierte die Rennwagenabteilung der Auto Union auf dem alten Nürburgring Nachwuchsfahrer-Prüfungen. Ewald Kluge überzeugte auch am Lenkrad, sollte aber auf dem Motorrad für DKW noch den EM-Titel erkämpfen und danach in den Rennwagen umsteigen, doch der Zweite Weltkrieg machte alle motorsportlichen Pläne zunichte.

Nachdem Kluge den Krieg heil überlebte, wurde er von einem Rennfahrer-Kollegen bei den Russen als „Nazigröße“ denunziert, obwohl Ewald als Sportler nichts mit den unsauberen Machenschaften der Nationalsozialisten gemein hatte, aber als Rennfahrer automatisch in das NSKK eingegliedert war und nach jedem großen Erfolg von den Nazis entsprechend gefördert wurde. Der Initiative dieses „lieben“ Menschens hatte es Kluge zu verdanken, dass er ins Gefängnis und für drei Jahre in ein russisches Internierungslager kam. Von diesem „Tiefschlag“ erholte sich der Motorrad-Champion nie wieder richtig... Schweren Herzens entschloss er sich nach dieser grauenvollen Zeit, seine sächsische Heimat – das Rennfahrerdörfchen Adelsberg bei Chemnitz (in dem auch seine DKW-Mitstreiter Arthur Geiß und Walfried Winkler wohnten) – zu verlassen und sich in Ingolstadt bei DKW wieder dem Rennsport zu widmen. Mit modernisierten 250er Ladepumpen-Maschinen aus der Vorkriegszeit und neu entwickelten 125er Rennfahrzeugen, ebenfalls mit Ladepumpe, beteiligte sich Ewald Kluge 1950, zusammen mit H.-P. Müller, an den vielen Rennveranstaltungen in Deutschland. Mehrere Klassen- und Doppelsiege holte sich der ehemalige Sachse. International waren die deutschen Rennsportler mit aufgeladenen Motorrädern allerdings seit 1949 isoliert. Ab 1951 gingen die Werksfahrer von DKW endlich mit Saugmotor-Fahrzeugen an den Start, konnten aber gegen die neuen Rennmaschinen aus Italien noch nicht bestehen.

Mittlerweile entwickelte der geniale Konstrukteur Erich Wolf neben dem überarbeiteten Viertelliter Rennmotorrad noch eine 350er Maschine mit drei Zylindern, die aufgrund ihrer hohen Motordrehzahl (über 10.000 U/min) den Beinamen „Singende Säge“ bekam. Mit diesen zwei Rennfahrzeugen fuhr Kluge 1952 auf der Eilenriede in Hannover, in Hockenheim, Dresden-Hellerau, München-Riem, Hamburg, Schotten, Hohenstein-Ernstthal, Schleiz (Foto oben rechts) und in Casablanca. Meist gewann er die Rennen, doch nicht immer gab es Doppelsiege. Ich erinnere mich noch gut an die Rennveranstaltung in Dresden-Hellerau: (Foto unten) Nachdem Kluge den Lauf der 250er Klasse überlegen gewonnen hatte, führte er auch bei den 350ern mit Riesenvorsprung. Plötzlich streikte eine Zündkerze. Ein nötiger Kerzenwechsel hätte keinesfalls die Führung im Rennen gekostet. Aber – wo war der Kerzenschlüssel, der bei Kluge stets im Rennstiefel steckte? Den hatte der gute Ewald beim Anschieben seiner „Singenden Säge“ verloren. Damit war der sicher geglaubte Doppelerfolg dahin!

Beim verregneten Eifelrennen 1953 auf der Nordschleife des Nürburgrings stürzte Ewald Kluge im Rennen der 350er Klasse und erlitt dabei einen komplizierten Oberschenkelbruch. Dieser schlimme Unfall, hervorgerufen durch die extreme Leichbauweise des Motorrads, beendete die Rennfahrerkarriere des damals 44-jährigen Motorsportlers.

Nach monatelangen Krankenhausaufenthalt bereiste der Altmeister mit ungebrochenem Interesse viele Motorsportveranstaltungen als umjubelter Ehrengast (im Bild rechts 1954 am Sachsenring).Im Sommer 1964 besuchte er letztmalig das Roßfeld-Bergrennen in Berchtesgaden. Nur wenige Wochen später, am 19. August 1964, schloss der sympathische Rennfahrer und Mensch Ewald Kluge infolge eines Krebsleidens im Alter von nur 55 Jahren für immer die Augen.

Ewald Kluge in Schotten 1952

Gedenkstein seiner Heimatgemeinde Weixdorf für ihren großen Sohn
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