| Das ungeschriebene Gesetz von Horice |
| Text + Fotos: Günter Geyler |
Für
die Motorsportfreunde aus der früheren DDR galt die benachbarte
Tschechoslowakei in der Zeit vor der so genannten Wende als ein kleines
Paradies: Es gab dort Weltmeisterschaftsläufe im Trialsport, im Moto-Cross, auf
der Sandbahn, und in Brünn erlebten die DDR-Fans beim
Motorrad-Weltmeisterschaftslauf auch Rennen der Seitenwagengespanne.
Diese
Kategorie hatten die Sportfunktionäre in Ost-Berlin ab 1961 von den
ostdeutschen Rennstrecken verbannt.
Die
nicht zur WM zählenden kleineren Motorradrennen in der damaligen CSSR glänzten
mit wesentlich besserer Besetzung, als ab 1973 der „Große Preis der DDR“, an
dem nur noch Fahrer aus dem Ostblock teilnehmen durften!
Unter
uns Motorsport - Fotografen – wir waren zur damaligen Zeit eine „große Familie“ –
hatte es sich schnell herumgesprochen: Im Vorriesengebirge, in der Kleinstadt
Horice liegt eine wunderschöne Naturrennstrecke, und dort laufen Rennen mit
guter internationaler Beteiligung.Es war im Mai 1973, als ich erstmalig in Horice ein internationales Motorradrennen besuchte. Der Berg- und Talkurs begeisterte mich, es war tatsächlich ein Paradies für Motorsport-Fotografen! Dort gibt es Vollgas-Kurven, aber auch solche, die nur im ersten Gang zu fahren sind. Unmittelbar nach dem Start geht es bergab durch eine schnelle Rechtskurve, die von den Akteuren sehr viel Mut erfordert.
Die Kamera-Leute, die damals dort am Außenring ihrem Beruf oder
Hobby nachgingen, durften aber auch keinesfalls Angsthasen sein! 5,12 Kilometer lang ist die Strecke und
führt zum Teil durch die Stadt Horice, ebenso durch den Wald.In dem Programm - Heft konnte man lesen: „Die 300 Kurven des Gustav Havel“. Ganz so viele Kurven sind allerdings nicht in einer Runde zu bewältigen; es sind nur zwanzig, aber im Rennen der 350er Klasse kam der beliebte viermalige Horice - Sieger, der Jawa-Werksfahrer Gustav Havel annähernd auf die Zahl 300!
Die
Siegerlisten der Rennen vor dem Jahr 1973 zeigten überwiegend Namen der Spitzenfahrer
aus dem Nachbarland, doch das sollte sich bald ändern!
Rennfahrer
aus den Nordländern Europas, dazu einige Piloten aus Westdeutschland,
Österreich, und die Elite der Tschechen stellten sich 1973 dem
Starter
auf dieser idealen „Fahrerstrecke“. Die Akteure aus der DDR fehlten vorerst
noch in Horice. Im Fahrerlager dominierten die 250er und 350er Zweizylinder
Produktions-Racer von Yamaha und die Jawa-Werksmaschinen, ebenfalls mit
Zweizylinder - Triebwerk.
Held
des Tages war der junge Schwede Roland Nilsson, der im Lauf der 250er Klasse
nach einen harten Zweikampf mit Borge Nielsen aus Dänemark den Tagessieg Nummer
eins auf seiner Yamaha einfuhr. Platz drei ging an den Gewinner der 125er
Klasse, den Schweden Björn Carlson.
Auch
im Rennen der 350er dominierte Roland Nilsson. Diesmal siegte er vor dem
Westdeutschen Yamaha-Fahrer Klaus Huber.
1974:
Endlich kamen nun auch die DDR-Piloten mit ihren MZ Motorrädern in das
Vorriesengebirge. Aus der Schweiz erschienen ebenfalls einige gute Leute, die
käufliche Yamaha Maschinen steuerten.
Die
beiden MZ-Fahrer Jürgen Lenk und Bernd Köhler diktierten bei den 125ern das
Tempo und holten somit einen Doppelsieg.
Lokalmatador
Bohumil Stasa zeigte sich an diesem
Renntag in Hochform: Der immer lustige
Tscheche – er gewann vorher
acht Mal in Horice – fuhr in der Viertelliterklasse
eine neue luftgekühlte Zweizylinder Jawa aus Prag und distanzierte damit die
gesamte Yamaha-Konkurrenz nach Belieben. Platz zwei belegte sein Landsmann
Peter Balaz auf dem japanischen Produktions-Racer. Mit einem solchen Motorrad
feierte Bohumil Stasa in der Klasse bis 350 ccm einen zweiten Tagessieg. Mit
Abstand folgte der Däne Borge Nielsen.1975: Bei strömendem Regen ließ sich der Doppelsieger von 1973, Roland Nilsson, keinesfalls bremsen und zeigte, dass er auch bei schlechtem Wetter sein Rennmotorrad meisterlich beherrscht. Mit der 250er Yamaha bezwang der Schwede den Tschechen Peter Balaz. Auch im Lauf der 350er Klasse glänzte Roland Nilsson auf einer weiteren Siegesfahrt. Der ehemalige MZ-Werksfahrer Bernd Tüngethal - er wohnte inzwischen in Westdeutschland – steuerte seine Yamaha auf Rang zwei. Hinter dem Finnen Seppo Kangasniemi, Yamaha, belegte in der Achtelliterklasse Jürgen Lenk den Ehrenplatz. 1976: Der hoch talentierte Schweizer Franz Kunz – er gehörte inzwischen zu den aktiven WM-Teilnehmern – duellierte sich auf dieser „Fahrerstrecke“ mit dem Weltklasse-Pilot Janos Drapal aus Ungarn. Beide Yamaha-Fahrer schenkten sich nichts und boten dem Publikum sowohl in der 250er als auch in der 350er Klasse vor den Verfolgern, zu denen auch der russische MZ- Werksfahrer Matti Reynup gehörte, ein mitreißendes Rennen. Im Ziel lag dann jeweils Franz Kunz vor Janos Drapal. Bei den 125ern fuhr der werksunterstützte MZ-Klubfahrer Bernd Köhler auf seiner ehemaligen Zschopauer Werks-Maschine einen überlegenen Start-Ziel-Sieg heraus. 1977: Trotz ihrer fahrerischen Qualitäten standen die 125er MZ-Piloten aus der DDR inzwischen mit ihren Einzylinder-Modellen (MZ zog sich werksseitig nach der Saison 1970 aus der Achtelliterklasse zurück) gegenüber den neuen Zweizylinder Motorrädern aus Italien auf verlorenem Posten. Das Rennen gewann der Österreicher Heinz Meidinger auf Morbidelli. Ein weiterer Akteur aus Österreich dominierte in den Rennen der 250er und 350er Klasse: der WM-Teilnehmer Edi Stöllinger auf Yamaha. In beiden Klassen verwies er nach anfänglichem Zweikampf den Schweizer Willy Hangartner jeweils auf Platz zwei. Harald Merkl aus Westdeutschland beendete beide Läufe auf seinen fernöstlichen Rennmaschinen jeweils an dritter Stelle. 1978: Der Westdeutsche Karl-Thomas Grässel weilte erstmalig in Horice. Er kam, sah und siegte! In der 350er Klasse musste er sich gegen den Sieger der 125er, Peter Balaz aus der CSSR, und Bernd Tüngethal behaupten und konnte vor den beiden Kampfhähnen einen sicheren Vorsprung herausfahren. Auch im Lauf der Viertelliterklasse sah der Nordbayer mit seiner Yamaha trotz schwachem Start dennoch nach 16 Runden als Erster, wenige Meter vor seinem Landsmann Tüngethal, die Zielflagge. Balaz belegte Rang drei. Mit diesem Doppelsieg beendete Karl-Thomas Grässel in Horice die Serie eines ungeschriebenen Gesetzes, denn von 1973 bis einschließlich 1978 erkämpften in ununterbrochener Folge die Gewinner der 250er Klasse auch den Sieg bei den 350ern. |
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