Als im Frühjahr 1988 in "Motorsport aktuell" unten stehender Bericht von mir, dem Betreiber dieser Internetdomain, wortgetreu veröffentlicht worden war, war ich richtig stolz. Es war mir gelungen, zumindest teilweise, einmal auf einige Dinge im Motorsport der damaligen DDR aufmerksam zu machen. Natürlich interessierte mich nicht, welche latente Gefahr für mich von dem Bericht ausging, sollte er zufällig in die "richtigen" Hände kommen. Vielleicht war der Bericht auch ein kleiner Beitrag dazu, daß ich nach der Wende in meiner "Stasi-Akte lesen konnte: im Krisenfall sei ich zu internieren.
Mir kam der Artikel wieder in die Hände, als ich am Bericht für den Sachsenring GP 2006 geschrieben habe und ich dachte mir, vielleicht ist er für einige meiner Besucher von Interesse.

Die großen Zeiten des Motorradrennsports sind in der DDR vorbei - Blick in die Vergangenheit

Die sächsischen Heerscharen

von Rolf Eggersdorfer
Wenn man das Thema Straßenrennsport anschneidet, spricht man von der Vergangenheit. Die Gegenwart in der Republik hat nichts zu bieten und die Zukunft verspricht auch nicht erfreulicher zu werden.
Blättert man in den Sportzeitungen, respektive in den Sportteilen der Tageszeitungen wird man immer wieder auf die drei Buchstaben DDR stoßen. Die Erfolge und Rekorde dieses Landes haben schon für manche Schlagzeile gesorgt. So manche Sportarten werden von den Athleten mit den drei Buchstaben auf ihrer Sportkleidung regelrecht beherrscht. Falls man sich aber speziell für den Motorsport interessiert, so muß man schon Geschichtsbücher bemühen, um Erfolgsmeldungen aus der und über die DDR zu finden. Als einige Fachleute in den fünfziger Jahren den Zweitakter für ausentwickelt hielten, gaben die "Zweitakt-Freaks" aus Zschopau dieser Motorenart neue Impulse. Gemessen an den unter ständiger Schwindsucht leidenden Rennbudget, nehmen sich dann auch die erzielten 13 GP-Siege, sowie die drei Vizeweltmeistertitel von MZ gar nicht so schlecht aus.
Über ein ausgezeichnetes Renomee verfügte auch die Hausstrecke von MZ, der traditionsreiche Sachsenring. Der gute Ruf dieser reinen Straßenstrecke hatte seinen Ursprung schon in den dreißiger Jahren, als man auf dem Dreieckkurs in der sächsischen Industriestadt Hohenstein-Ernsthal (auch Geburtsort des Abenteuerschriftstellers Karl May) den Großen Preis von Europa ausgetragen hatte. Als dann 1961, nicht zuletzt bedingt durch die Erfolge von MZ, dieser Kurs in die Runde der WM-Läufe aufgenommen wurde, bestach man erneut durch blendende Organisation. "Last but not least" resultierte der gute Ruf dieser Strecke aus dem dort anzutreffenden zahlreichen und sachkundigen Publikum.
Alljährlich im Frühjahr formiert sich immer wieder neu ein Heer rennsportfanatischer Sachsen. Geplantes Aufmarschgebiet ist die südlich gelegene CSSR, Aufmarschrichtung und -termine werden durch den FIM-Kalender festgelegt. Wer sich in die Truppe einreihen möchte, benötigt keine Kenntnisse in der Waffenkunde. Dafür muß er aber über die führenden Motorradhersteller und Sponsoren Bescheid wissen und mindestens ein Dutzend Namen bekannter Werks- und Privatfahrer im Schlaf aufsagen können. Außerdem hat er sich streng an die bestehende Kleiderordnung, bestehend aus ausgewaschenen Jeans und werbewirksamen T-Shirt, zu halten. Entsprechend qualifiziert und eingekleidet dringen dann Stoßtrupps von einigen Tausend Man zu den ersten, unbedeutenderen Veranstaltungen vor. Zu den Interrennen reicht diese Stoßtruppstärke aus, um die Lage fest in den Griff zu bekommen. Anders verhält es sich dann, wenn der Grand Prix in Brno angesagt ist. Dann wird schon die volle Heerstärke von 80 000 Mann benötigt, Sächsisch wird dann zur Pflichtsprache erhoben, wobei die "Mämolas, Schpenzers und Derflingers" für ausreichend Gesprächsstoff in den Heerlagern, sprich Campingplätzen, sorgen.
Als 1927 einige rennbessesene Einwohner von Hohenstein ein Motorradrennen aus der Taufe hoben, war der Nährboden für den Rennbazillus bereitet. Offenbar war die Gegend ein guter Nährboden, denn mit der Zahl der veranstalteten Rennen, wuchs auch die Zahl der Infizierten. Wenn der Sachsenring rief, dann strömten alle herbei: topfahrer jener Tage und Publikum, dessen Zahl die Dreuhunderttausender-Marke überschritt. Guthrie, Serafini, Kluge und Meier, um nur einige zu nennen, hießen die Helden jener Tage.
Auch der Krieg konnte den Rennbazillus nicht töten. So erfreuten sich beim zweiten Nachkriegsrennen 1950, ausgetragen als "Gesamtdeutscher Meisterschaftslauf" (!), über 400 000 Besucher am Können eines HP Müller, Hermann Gablenz, des Doppelsiegers Heiner Fleischmann und der Gespannpaare Böhm-Fuchs und Kraus-Huser. Selbst als in den westlichen Ländern zu Ende der fünfziger Jahre das Interesse für den Zweiradsport nachließ und die Besucherzahlen zurückgingen, am Sachsenring zählte man nie weniger als 200 000 Zuschauer, am Rennsonntag wohlgemerkt. Dabei waren bis 1960 "nur" die Besten der Privatfahrergilde zu bewundern. Forciert durch die enormen Leistungen der MZ-Leute aus dem nahen Zschopau, erhielt der Sachsenring erstmals 1961 WM-Status (Foto: Luigi Taveri und Honda-Rennleiter Reginald Armstrong) Anerkennung also für die treuen Fans, "Anerkennung" aber auch, so der Polittenor, "für die Aufbauleistungen in der DDR".
Aus jener Zeit verdienen zwei der vielen Höhepunkte besondere Erwähnung. So dominierte während der Saison 1963 in der Viertelliterklasse der Rhodesier Jim Redman mit seiner Honda eindeutig das Geschehen, nur gelegentlich gefährdet durch die sagenhaft flotte Einzylinder-Morini von Provini. MZ war bis dato, trotz Spitzenmann Alan Shepherd, nicht in der Lage, den Hondas Paroli zu bieten. Am heimatlichen Sachsenring gelang es den Zschopauern, den seinerzeit besten Piloten Mike Hailwood für eine Fahrt auf der Viertellitermaschine zu gewinnen. Hailwood, gerade von der Halbliter-MV gestiegen, auf der er so nebenher Minter auf der "ausgemotteten" Gilera geschlagen hatte, zeigte dann dem frenetisch mitgehenden Publikum, was wirklich in jenen Tagen in der MZ steckte. Souverän beherrschte er das Rennen und ließ Shepherd auf der zweiten MZ und Redman mit der Werkshonda nicht die Spur einer Chance. Damit ging er als Dreifachsieger in die Annalen des Sachsenrings 1963 ein, da er auch noch die 350 cc Klasse gewonnen hatte.
Acht Jahre danach ein weiterer Höhepunkt. Erneut war die Viertelliterklasse der Gesprächsstoff Nummer 1. Favorisiert waren der mit drei GP-Siegen nach Hohenstein gereiste Phil Read und der allmählich zu seiner Form findende Ex-Champion Rod Gould. Doch beide, wie auch das Publikum, wurden von Dieter Braun überrascht. Was der "Lange", angepeitscht durch unaufhörliche "Dieter, Dieter"-Rufe der Fans, an jenem Tag, zu jener Stunde bot, das war einmalig. Da staubte es regelmäßig, wenn er die Abfahrt vom "Heiteren Blick" in Richtung Start und Ziel herunterkam, seine Konkurrenten außerhalb (!) der weißen Fahrbanmarkierung überholend. Miserabel gestartet war er, dank seiner Fahrweise in der fünften der zu fahrenden fünfzehn Runden an seinen Widersachern Read und Gould dran. Nach weiteren fünf Runden gab es kein Halten mehr für ihn; die Konkurrenz sah nur noch die Auspufftöpfe seiner Yamaha.
Nur einmal noch, 1972, hatten die rennsportinfizierten Sachsen Gelegenheit, auf ihrer Hausstrecke die Elite der Welt bewundern zu können. Danach blieb die Startampel für westliche Fahrer auf Rot stehen. Ab dato auch begannen "Sächsische Heerscharen unterwegs" zu sein via Brno, nachdem die Tschechoslowakei für ihren Kurs ebenfalls WM-Status erhalten hatte. Als 1972 einige "gut informierte" Fans wissen wollten, daß dies der letzte WM-Lauf für die Zukunft gewesen sei, ernteten jene bei den wiederum zahlreich erschienenen Publikum nur ein ungläubiges Lächeln. Zwar hatte man schon verlauten hören, daß die reinen Straßenkurse wegen ihrer Gefährlichkeit ins Gerede gekommen waren, aber noch gab es ja viele gefährlichere GP-Strecken als den Sachsenring. Die eigentliche Gefahr des Aufhörens kam aber aus dem eigenen Verband, dem ADMV, der schlagartig sein Interesse am internationalen Straßenrennsport verloren hatte. Eine "demokratische" Entscheidung war nun einmal getroffen worden und die hieß ab sofort: Abstinenz von der WM. Die Quittung lieferten die Fans im ersten "Nicht-WM-Jahr 1973". Statt der üblichen 200 000 Besucher und mehr am Rennsonntag, umsäumten "frisierte" 60 000 Besucher, gezählt an allen drei Tagen, den Ring. Eine Woche danach, beim GP der CSSR, staunten dann die dortigen Veranstalter nicht schlecht, als deren langjähriger Zuschauerschnitt von 40 000 plötzlich auf 100 000 emporschnellte. Das treue Sachsenpublikum hatte auf die Entscheidung ihres Verbandes reagiert.
Tradition - und nun?
Sehr zwiespältige Gefühle bemächtigen sich nun des Autors dieser Zeilen. Während er beim ersten Teil der Überschrift - Tradition - mit "gezogener Handbremse" schreiben mußte, kommt er jetzt in erhebliche Schwierigkeiten. Der Autor könnte es sich einfach machen und die Frage "und nun?" ganz lakonisch mit dem Wörtchen "nichts" abhandeln. Dies würde aber bedeuten, den noch immer zahlreichen Aktiven im DDR-Verband die gebührende Anerkennung für die Ausübung ihres Sports zu versagen. Derzeit haben die Aktiven Gelegenheit, in fünf verschiedenen Klassen - 50 cc (!) - 80 cc - 125 cc - 250er Ein- und Zweizylinder - ihre Kräfte zu messen. Dies kann für das Gros der Fahrer auf drei reinen Straßenkursen - Sachsenring, Schleizer Dreieck und Frohburger Dreieckrennen - geschehen. Dazu gesellen sich dann noch einige Bergrennen, die natürlich keineswegs "Schweizer Massstäben" entsprechen. Für das sogenannte Nationalteam, ausgewählt vom Verband, kommen dann noch Starts im sozialistischen Ausland beim "Pokal der Freundschaft" und bei kleineren Interrennen, versteht sich auch im Ostblock, hinzu. In der Endwertung 1987 um den "Pokal der Freundschaft" belegten die DDR-Teams jeweils vierte Plätze. Während sich die teilnehmenden Ungarn zum Beispiel jeweils auf relativ neue Productions-Racer von MBA, respektive Yamaha stützen können, sind die DDR-Aktiven von vornherein in diesem Wettbewerb mit ihren "Eigenbauten" hoffnunglos benachteiligt, auch wenn sich hinter den "Eigenbauten" meist schon betagte Yamaha-Motoren verbergen, welche sich die Akteure zum Teil recht mühsam erhandelt haben. Der Begriff "Eigenbau" tauchte erstmals während der Rennsaison 1979 gehäuft auf. Es muß seinerzeit den allgewaltigen DDR-Verbandsfunktionären wohl ein Dorn im Auge gewesen sein, daß der bis dato fünffache DDR-Champion Gernot Weser seine Titel auf einem kapitalistischen Produkt in der 50 cc Klasse, nämlich einer Kreidler, errungen hat. Ein entsprechender Beschluß der staatsbewussten Motorsportfunktionäre war also längst überfällig: ab der Saison 1979 haben bei der Nennung für die Rennen die Fahrer von Produkten aus dem NSW (Nicht Sozialistisches Wirtschaftssystem) ihre Maschinen unter der anonymen Bezeichnung "Eigenbau" erscheinen zu lassen!

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