Als
in den 1950er Jahren die Rennmotorräder noch mit anschraubbaren Seitenwagen
über die Straßenrennstrecken gesteuert wurden, dominierten in Deutschland und
auf den anderen europäischen Pisten die Norton,- teilweise auch BSA- und
Matchless-Gespanne aus England und nach dem Kompressorverbot ab 1951 die
deutschen BMW Seitenwagenmaschinen. Hinzu kamen noch sporadische
Gespann-Einsätze mit der italienischen Gilera.
In
der Saison 1954, als die beiden Hessen Wilhelm Noll und Fritz Cron die selten
unterbrochene WM - Siegesserie für die Marke BMW einleiteten, gewannen zwei
weitere Hessen, Willi Faust mit Karl Remmert auf BMW, die kleineren deutschen
Rennen auf dem Leipziger Stadtparkkurs, in Dresden-Hellerau, auf dem
Sachsenring (Foto oben), in Schotten und auf der Eilenriede bei Hannover. In das
WM-Geschehen griffen die Neulinge Faust / Remmert erst am Ende der 54er Saison
ein und belegten in der Schweiz und in Italien jeweils hinter dem Siegerpaar
Noll / Cron und dem britischen Weltmeister von 1952, Cyril Smith auf Norton,
den dritten Platz. Damit erreichten sie in der 1954er WM-Tabelle Rang sechs.
Zum
Kreis der Favoriten für die Rennsaison 1955 gehörten in erster Linie die
54er
Weltmeister Noll / Cron, die - vom Werk unterstützt - die Boxer BMW mit
Benzineinspritzung fuhren. Die Gespanne Walter Schneider / Hans Strauß,
Friedrich Hillebrand / Manfred Grunwald und Willi Faust / Karl Remmert
starteten als reine Privatfahrer mit der käuflichen BMW RS 54.
Englands
Ex-Weltmeister Cyril Smith / Stanley Dibben und Eric Oliver / Les Bliss
beteiligten sich mit der Einzylinder Norton am WM-Geschehen. Es stellte sich
heraus, dass der viermalige Gespann - Weltmeister Eric Oliver nach seinem
schweren Sturz am Feldberg 1954 körperlich gehandicapt und nicht mehr in der
Lage war, seine früheren Erfolge zu wiederholen.
Der
erste WM-Lauf 1955 in Barcelona (Spanien) am 1. Mai brachte eine
Überraschung: Faust / Remmert schlugen
auf ihrer BMW mit Serienreifen von der Firma Fulda die gesamte Weltelite! Eric
Oliver, der hinter seinem Landsmann Cyril Smith den dritten Platz belegte,
sagte nach dem Rennen über Faust /Remmert: „Das sind die kommenden Weltmeister
der Gespannklasse! Es gibt im Augenblick auf der Welt keine gleichwertige
Mannschaft. Wenn sie so weiterfahren, dann sind sie die künftigen Beherrscher
dieser Klasse. Denen ist niemand mehr gewachsen!“ Einem Könner wie Eric Oliver
war der Fahrstil dieser Konkurrenten aufgefallen, und er sollte mit seiner
Prognose recht behalten. Die beiden Hessen
aus Fulda gewannen nach dem Auftakt in Spanien die WM-Läuf in Deutschland
(Nürburgring) und Holland ganz überlegen. In Belgien fuhren sie rundenlang im Windschatten
der Vorjahresweltmeister Noll / Cron, konnten aber keinen Schlussangriff
starten, da der Rennleiter den Lauf versehentlich eine Runde zu früh abwinkte.
Da auch 1955 von sechs ausgeschriebenen WM-Rennen für die Gespanne nur die vier
besten Ergebnisse in die Wertung kamen, hieß das Weltmeisterpaar noch vor dem
italienischen Endlauf Faust / Remmert.
Noll / Cron lagen in der Endabrechnung
auf Platz zwei vor Schneider / Strauß. Friedrich Hillebrand musste wochenlang
die Sturzverletzungen vom WM-Lauf in Barcelona auskurieren und konnte erst Ende
Juli wieder an den Start gehen.
Die
Deutsche Meisterschaft ging ebenfalls an die neuen Weltmeister. Sie siegten in
Schotten, auf der Stuttgarter Solitude und auf dem Norisring in Nürnberg (Foto oben).
Wiederum belegten Noll / Cron mit dem DM-Sieg in Hockenheim und weiteren
vorderen Platzierungen Rang zwei vor Schneider / Strauß.
Die
Fuldaer Faust / Remmert glänzten darüber hinaus in Pau (Frankreich), Genua
(Italien) und auf dem alten Sachsenring.
Ihre
Maschine, die rund 50 PS leistete, war der Konkurrenz keinesfalls überlegen!
Das war eher bei dem Motorrad von Noll / Cron der Fall. Der Fahrstil, das
gekonnte Driften in den Kurven, brachte dem Paar Faust / Remmert eine solche
Siegesserie. Sie drifteten hart an der Grenze des Möglichen, trotzdem wirkten
sie nie unsicher! In den 1950er Jahren, als es noch keine so genannten
„Kneeler“ gab, konnte ich nicht nur auf den ehemaligen DDR-Rennstrecken die
weltbesten Seitenwagengespanne beobachten (damals existierte die erbärmliche
Schandmauer noch nicht), sondern auch auf westdeutschen Pisten. Ich erlebte so
manchen „wilden Hund“, wie den Schweizer Florian Camathias, aber kein Gespann
beeindruckte mich mit vollendeter Driftkunst so sehr wie Faust / Remmert im
Jahr 1955.
Am 18. April 1956
unternahmen die Weltmeister mit einem neuen, rundum verkleideten BMW-Gespann
auf dem früheren Hockenheimring Versuchsfahrten. Sie wollten sich mit den neuen
Fahrverhältnissen vertraut machen. Plötzlich verunglückte das Gespann bei hoher
Geschwindigkeit vor der Stadtkurve: Das blockierende Motorrad verursachte den
schlimmen Unfall, wobei der am 20. Januar 1925 geborene Karl Remmert auf der
Stelle sein Leben verlor. Willi Faust
kam mit schweren Verletzungen (Gehirnquetschung und zweifacher Beinbruch) in
das Krankenhaus. Richtig gesund wurde der gute Willi nie wieder. Somit
existierte das weltbeste Seitenwagengespann nicht mehr!
Mit dem Motorrad-Rennsport
begann der am 10. Januar 1924 geborene Willi Faust erst im Alter von 27 Jahren:
1951 startete der gelernte Kraftfahrzeug - Mechaniker als Ausweisfahrer mit einer
Triumph in der 250er Soloklasse. Bei den ersten fünf Rennen holte er fünf
Siege. Noch im gleichen Jahr fuhr er eine 500er Solomaschine und ein
Seitenwagen - Motorrad der Marke BMW. Am Ende des Jahres 1951 startete Faust in
drei Klassen! Mit seinem Beifahrer Karl
Remmert, einem ehemaligen Geländefahrer, erregte der Hesse gegen Ende der
Saison 1953 als Lizenz - Neuling das Interesse der Experten. Ab 1954 ging seine
Karriere steil nach oben, bis zu jenem schwarzen Freitag im April 1956!
Nach
monatelangem Krankenhaus-Aufenthalt – er lag sechs Wochen im Koma -
betrieb der Seitenwagen-Champion in seinem
Heimatort Fulda eine Tankstelle. Sein Interesse galt nach wie vor dem
Motorrad-Straßenrennsport - leider nur noch als Zuschauer. Gern erzählte er den
Motorsportfans von seinen großartigen Rennen. Am 27.November 1992 hörte infolge
eines Krebsleidens das Herz des hervorragenden Rennfahrers auf zu schlagen. Er
war ein offenherziger Mensch, nicht der „Herr“ Faust, sondern der Sportfreund
Willi Faust, ein echter Kumpel!
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