Dreifachstarter auf dem Sachsenring
Text und Fotos: Günter Geyler

Was waren das nur für Kerle, die vor dem Zweiten Weltkrieg mit zum Teil ungefederten Rennmotorrädern auf dem Kopfsteinpflaster des alten Sachsenrings bei den Europa-Meisterschaftsläufen im Rennen der 500er Klasse rund 400 Kilometer im Renntempo bewältigten? Damals leisteten die besten Halbliter-Maschinen mit Kompressor rund 50 PS und erreichten über 200 km/h Spitzengeschwindigkeit. Einige wenige dieser Motorrad-Helden gingen sogar in zwei Klassen an den Start!
Als die weltbesten Rennpiloten ab 1961 auf dem 8,7 Kilometer langen Berg- und Talkurs des alten Sachsenrings um Punkte für die Weltmeisterschaft kämpften, mussten in der „Königsklasse“ bis 500 ccm nur noch rund 180 Kilometer bewältigt werden. Für die Fahrer der anderen Klassen standen weniger Kilometer auf dem Programm. Es gab viele Doppelstarter, aber auch einzelne Fahrer, die an einem Tag in drei Klassen an den Start gingen. Zu ihnen gehörten Mike Hailwood (rechtes Foto mit der MZ), Jim Redman, Alan Shepherd (Foto unten auf MZ), Frantisek Stastny, Heinz Rosner.
Als Dreifachsieger (125, 250 und 500 ccm) der Englischen Tourist Trophy 1961 kam der Brite Mike Hailwood mit 125 Zweizylinder- und 250er Vierzylinder Honda-Werksmaschinen und seiner privaten 500er Norton 1961 nach Hohenstein-Ernstthal. Im Lauf der 125er Klasse musste er nach 10 von 13 zu fahrenden Runden die Honda mit Motorschaden abstellen. Das Rennen gewann der MZ-Fahrer Ernst Degner ganz überlegen. Dafür fuhr Hailwood bei den 250ern vor seinen Markenkollegen Jim Redman (Rhodesien) und Kunimitsu Takahashi (Japan) einen ungefährdeten Start-Ziel-Sieg heraus. In der Halbliterklasse erkämpfte der Brite hinter dem Rhodesier Gary Hocking, der die überlegene Vierzylinder MV Agusta steuerte, mit seiner Einzylinder Norton den zweiten Platz, noch vor weiteren Norton-Piloten. 1962 erschien Mike Hailwood mit 350er und 500er Werksmotorrädern von MV Agusta. Darüber hinaus verpflichtete MZ-Rennchef Walter Kaaden den in meinen Augen wohl besten Motorrad-Rennfahrer der 1960er Jahre noch für das Rennen in der Viertelliterklasse. Im Lauf der 250er lieferte sich Hailwood auf der Zweizylinder MZ mit dem Honda-Rivalen Jim Redman ( im Bild rechts mit der 350 cc Honda) einen tollen, packenden Zweikampf und lag im Ziel nur 0,2 Sekunden hinter dem Rhodesier zurück. Auch in der 350er Klasse musste sich Hailwood nochmals von Jim Redmann und dessen neuer Vierzylinder Honda geschlagen geben. Mit der Werks MV stand der Brite im Rennen der 500er den vielen Privatfahrern gegenüber. Er fuhr einsam an der Spitze, verbesserte dabei den Runden- und Streckenrekord, und beendete mit 1,5 Minuten Vorsprung vor den Norton-Leuten Alan Shepherd (England) und Bert Schneider (Österreich) diesen etwas farblosen Lauf.
Der Sieger der 250er und 350er Klasse, Jim Redman, startete an diesem Tag bereits schon im ersten Rennen mit der 125er Honda. In diesem spannenden Lauf kämpften zwei Werks Hondas mit Luigi Taveri (Schweiz) und Redman gegen die zwei MZ-Akteure Hans Fischer und Laszlo Szabo (Ungarn). Taveri gewann knapp vor Redman, der hierbei eine „alte Rechnung“ mit MZ begleichen wollte und dabei vor der Zielkurve den guten Hans Fischer etwas heftig abdrängte.
Mit der 125er und 250er MZ-Werksmaschine und seiner privaten Matchless beteiligte sich Alan Shepherd 1963 am WM-Lauf in Sachsen. Ganz so schnell wie die 125er Zweizylinder Suzuki war die Einzylinder MZ nicht. Dennoch belegte Shepherd hinter dem Neuseeländer Hugh Anderson und dessen Suzuki Platz zwei, allerdings knapp zwei Minuten zurück. Einen weiteren zweiten Platz erkämpfte sich der Brite auf der 250er Zweizylinder MZ hinter seinem Landsmann und Stallgefährten – nur für ein Rennen - Mike Hailwood, der sich 1963 an zwei Tagen drei Sachsenring-Siege holte! Einen Sieg davon verbuchte Hailwood mit der 500er MV Agusta vor dem Gilera-Pilot Derek Minter (England) und Alan Shepherd, der in diesem Lauf die Einzylinder Matchless steuerte.
Auf Rennmaschinen aus seinem Heimatland ging 1966 der Tscheche Frantisek Stastny in drei Klassen an den Start. Im Lauf der 250er fuhr er mit der Einzylinder CZ auf den sechsten Platz. Mit der 350er Jawa kam Stastny, allerdings eine Runde zurück, hinter dem Sieger Giacomo Agostini (Italien) auf Rang zwei. Im Lauf der Halbliterklasse (Foto links) lag er auf der Zweizylinder Jawa beim vorzeitigen Ende des Rennens eine Runde hinter Agostini – der stürzte in der Schlussrunde -, doch nach einem Fehlurteil der Jury bekam der Tscheche den Sieg zugesprochen.
Mike Hailwood startete 1966 und 1967 als Werksfahrer für Honda und musste sich in den Klassen bis 250, 350 und 500 ccm gegen stärkste Konkurrenz behaupten. 1966 siegte er mit dem Sechszylinder Kraftpaket ganz überlegen vor seinem Landsmann Phil Read auf Yamaha und dessen Stallgefährten Mike Duff (Kanada). Leider aber musste Hailwood nach anfänglichen Spitzenkämpfen mit Agostini sowohl die 350er Honda in Runde elf als auch die 500er (beide mit Vierzylinder Triebwerk) in Runde fünf nach einem Motorschaden abstellen.
Auch 1967 blieb dem Dreifachstarter Hailwood in Hohenstein nur ein Sieg: Diesmal dominierte er in der 350er Klasse mit einem neuen 6 - Zylinder Motorrad und lag im Ziel über zweieinhalb Minuten vor seinem ewigen Rivalen Agostini. Bei den Viertelliter - Maschinen kämpfte Hailwood gegen Phil Read. Beide boten dem Publikum einen packenden Rad - an - Rad - Kampf, doch noch vor Halbzeit des Laufs gab der Honda-Motor den Geist auf, und Read siegte auf der Vierzylinder Yamaha vor seinem Landsmann und Team-Kollegen Bill Ivy. Im Rennen der Halbliter-Klasse (Bild oben) setzte Hailwood sein ganzes Können ein, um den davoneilenden Agostini und dessen überlegene Dreizylinder MV zu erreichen. Diese Hetzjagd bekam dem Triebwerk der Honda nicht. In Runde neun kam das Aus! Ago siegte vor dem großen Feld der Privatfahrer.
Der Rennstall MZ schickte 1968 den Werksfahrer Heinz Rosner mit der 125er Einzylinder, der 250er und der 251er Zweizylinder Maschine zum Sachsenring. Im Lauf der 125er Klasse lag der Erzgebirgler Rosner bis zu seinem Ausfall infolge Motorschadens in Runde sieben hinter der Vierzylinder Yamaha von Phil Read, dem späteren Sieger. Bei den 250ern musste Rosner (im Bild links) die beiden Vierzylinder Yamaha unter Ivy und Read ziehen lassen, die nach Stallregie die Plätze eins und zwei belegten. Nach diesem Yamaha-Duo kam Rosner, zwei Minuten zurück, auf den dritten Platz. Mit dem leicht aufgebohrten Viertelliter Motorrad war der MZ-Mann im Rennen der 350er Klasse Agostinis Dreizylinder MV Agusta unterlegen. Trotzdem überquerte Rosner als Zweiter, noch in der gleichen Runde mit dem Sieger Agostini, die Ziellinie.

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