Vor 55 Jahren erlebt:

die Rennen auf der Chemnitzer Autobahnschere 1953

Text und Fotos: Günter Geyler



Anfangs der 1950er Jahre gehörten einmal zu der Chemnitzer Motorsportsektion Motor IFA die erfolgreichsten Motorrad- und Automobilrennfahrer der ehemaligen DDR, wie Gerhard Mette, Horst Fügner, Erhard Krumpholz, Walter Kaaden, Edgar Barth, Helmut Richter, Siegfried Latarius. Als zu jener Zeit einige Groß- und Kleinstädte Ostdeutschlands bereits über eine Rennstrecke verfügten, wollten natürlich die Chemnitzer nicht nachstehen, obwohl nur wenige Kilometer entfernt der weltbekannte frühere Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal lag.

Seit 1949 nutzten die Chemnitzer Motorrennsportler die damals wenig befahrene Autobahn zwischen Chemnitz Nord und Wüstenbrand, um dort ihre Rennfahrzeuge zu erproben. So lag es im Jahr 1952 nahe, auf dem Autobahn-Dreieck in Nähe der Ausfahrt Nord unter Einbeziehung der Fahrtrichtungen Eisenach und Plauen eine Rennstrecke zu errichten. Ursprünglich sollten noch rund 100 Meter der Fernverkehrsstraße 95 zur geplanten Rennpiste gehören, doch die Stadt-Oberen waren letztlich nicht gewillt, wegen nur 100 Meter Rennstrecke den Verkehr über mehrere Kilometer umzuleiten. Man blieb also auf der Autobahn. Für die vier „Haarnadelkurven“ musste der Grünstreifen beseitigt werden. Dorthin kam fester Fahrbahnbelag. Die Arbeiten erledigten wir von der Chemnitzer Motorsportsektion in unserer Freizeit, natürlich ehrenamtlich!

Im Herbst 1952 war „unsere“ Autobahnschere mit sehr günstigen Naturtribünen fertig, und am letzten September-Wochenende konnte das erste Rennen für Ausweis- und Nachwuchsfahrer gestartet werden. Im Rennen der 500er Ausweisfahrer begeisterte eine Frau: die schwergewichtige Renn-Amazone Christa Böttcher. Es war erstaunlich, wie diese talentierte Lady aus Niedersedlitz ihre schwere Boxer-BMW beherrschte!

Anfang Mai 1953 lief auf der nochmals im Streckenverlauf veränderten 5 Kilometer langen Piste für die DDR-Lizenzfahrer der erste Meisterschaftslauf mit 125er und 500er Solomaschinen und für die 750er Seitenwagengespanne. Dazu starteten noch die 1100er und 1500er Rennsportwagen sowie Rennwagen der Formel 2 (2000 ccm). Aus Gründen der Sparsamkeit (!) erhielten nur wenige „Westfahrer“ eine Einladung zu dieser Veranstaltung.

Trotz märchenhaft niedriger Eintrittspreise kamen 1953 lediglich 70 000 Zuschauer bei herrlichem Frühlingswetter zum Chemnitzer Rennen. (Zum Sachsenring pilgerten 1952 und 1953 jeweils 200 000 Rennfans). Wieder konnte die Autobahn für drei Tage gesperrt werden!
Vom IFA-Motorradwerk Zschopau erschienen die Werksfahrer Erhard Krumpholz, Horst Fügner und Siegfried Haase mit 125er Rennmaschinen. Die IFA-Rennabteilung übernahm 1953 die geniale Konstruktion des Plattendrehschiebermotors von Daniel Zimmermann aus Luckenwalde. Nachdem der frühere DKW-Werksfahrer Bernhard Petruschke 1952 auf seinem 125er ZPH-Rennmotorrad ( Entwicklung von Zimmermann, Petruschke und Henkel) mit diesem Drehschiebermotor mehrere Rennen gewann, fertigten die Zschopauer davon eine Kleinserie. Aufgrund der kurzen Zeit von der Konstruktions-Übernahme bis zum Chemnitzer Rennen konnten mit den neuen Zschopauer Maschinen noch keine zufriedenstellende Leistungen erreicht werden. Der DDR-Meister von 1952, Erhard Krumpholz, ging demzufolge mit seinem schlitzgesteuerten Vorjahresmodell an den Start. Horst Fügner und Siegfried Haase quälten sich mit den Drehschiebermaschinen über die Runden.

Ganz anders sah das Bild bei Petruschke und Diethart Henkel aus: Beide Berliner fuhren die schnellsten und bestens erprobten Zimmermann-Motorräder und glänzten damit im Rennen auf den Plätzen eins und zwei noch vor dem Zschopauer Erhard Krumpholz, obwohl es zwischen dem jungen Diethart Henkel und dem erfahrenen Zschopauer einen harten Kampf um Platz zwei gab. Einige wenige Privatfahrer der DDR starteten auf den Rennfahrzeugen der IFA-Kleinserie, die vielen anderen fuhren auf Maschinen, die sie sich in mühevoller Feierabend- und Wochenend-Arbeit aus dem in Zschopau gefertigten Serienmotorrad IFA RT 125 aufgebaut hatten.

In der Halbliterklasse dominierten die Vorkriegsmotorräder von BMW mit Geradweg-Hinterradfederung, die die Akteure unter großen finanziellen Opfern und mit vielen Arbeitsstunden in Rennmaschinen verwandelten. Auch Ernst Riedelbauch aus Nordbayern kam mit einer solchen BMW, mit der es im Gegensatz zu den Motorrädern der Konkurrenz keine Probleme gab. Die BMW des Eisenachers Gottfried Pohlan hielt ebenfalls durch, und er belegte hinter Riedelbauch Platz zwei, noch vor dem Norton-Fahrer Kurt Maul aus Freyburg. Der einheimische „Gohann“ Müller lenkte seine BMW, die Vorjahresmaschine vom 1951er und 52er DDR-Meister Gerhard Mette, auf den vierten Platz. (Mette verließ noch vor Beginn der Saison 1953 die Arbeiter und Bauern und startete in der damaligen BRD als BMW-Werksfahrer, bekam aber Probleme mit der Stallorder).

Auch einige Exoten belebten in Chemnitz das 500er Starterfeld: So erschien der Zwickauer Gerhard Hoffmann mit einer Vorkriegs-DKW-Werksmaschine. Von dem Zweizylinder Motorrad mit Trapez-Vorderradgabel und Geradweg-Hinterradfederung amputierte Hoffmann die Ladepumpe, um dem Nachkriegs- Saugmotor-Reglement zu genügen. Harald Stegmann aus Glauchau kam mit einer antiquierten Einzylinder Gilera, und der Thüringer Walter Knoch steuerte eine alte Starrrahmen NSU über den Kurs. Die Boxer BMW der favorisierten Rennpiloten Edgar Barth und Kurt Schulze erreichten in diesem von vielen Ausfällen geprägten Lauf nicht das Ziel.

Im Rennen der Seitenwagengespanne bis 750 ccm, die 1953 lediglich noch in der damaligen DDR auf dem Programm standen, sah und hörte man nur BMW-Maschinen. Als Ausgangsmodell blieb den Akteuren die so genannte „Wehrmachts-BMW“ R 75 aus der Vorkriegszeit. Hierbei unterschieden sich die „Westfahrer“ nicht von ihren ostdeutschen Sportfreunden. Trotzdem zeigte sich bei den Gespannen aus der früheren Bundesrepublik immer wieder eine Überlegenheit. Woher kam aber diese Überlegenheit bei gleichem Triebwerk? Den westdeutschen Akteuren standen die neuen hervorragenden Nockenwellen der Firma Schleicher zur Verfügung, und so konnte mit größeren Ventilen die Drehzahl und demzufolge auch die Leistung des Motors wesentlich erhöht werden. Das waren „Klänge“, wenn die Spitzenfahrer ihre Boxer-Viertakter auf 7000 U/min hochdrehten!

Als Favorit kam der Nürnberger Ernst Ebersberger mit seinem Beifahrer Hans Strauß, der ab 1954 im Beiwagen von Walter Schneider „turnte“, mit einer solchen erfolgreichen BMW nach Chemnitz, doch sein Motor hielt diesmal nur zwei Runden. Danach befanden sich nur noch „Ost-Gespanne“ im Rennen. Der DDR-Meister von 1952, Hans Fräbel mit Helmut Saal aus Immelborn, begeisterte mit tollkühner Fahrweise auf seiner roten R 75 und übernahm vor dem thüringer Konkurrenten Lothar Werner / Gerhard Diener die Spitze bis ins Ziel. Der Glauchauer Hans Brewko mit der schlanken Ingeborg Thormeyer musste sich in diesem „BMW - Lauf“ als Dritter vom Führenden überrunden lassen.

Ausgesprochen farblos verliefen die Rennen der Rennsportwagen. In der 1100er Klasse gab es einen Start-Ziel-Sieg des Porsche-Fahrers Hans-Friedrich Höftmann von der Westberliner Renngemeinschaft, und bei den 1500ern gewann unangefochten der Dessauer Arthur Rosenhammer vom EMW-Rennkollektiv. In den Formel 2 Rennwagen mit den Namen Veritas, EMW und Eigenbau arbeitete der gleiche 2000er Sechszylinder Reihenmotor vom Vorkriegs-Sportwagen BMW 328. Allerdings sahen im schnellsten Lauf des Tages nur die Hälfte der Gestarteten die Zielflagge. Mit seinem sauberen Eigenbau-Rennauto siegte der Reichenbacher Rudi Krause auf der Chemnitzer Autobahnschere, auf der es nach dem Jahr 1953 nie wieder Rennen geben sollte. Möglicherweise versprach sich der Veranstalter eine größere Publikums-Resonanz...

(oben links) Bernhard Petruschke

(oben rechts) Erhard Krumpholz

(links) Fräbel - Saal 750er Klasse

(unten) Start Klasse bis 500 cc :
Barth - Riedelbauch - Schulze - Hoffmann

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