Motorrad Grand Prix 1977 in Brno...

...Rennsport vor dreißig Jahren, Teil 2

Natürlich gab es in den beiden bisherigen Rennen der 250 cc und 350 cc Klasse noch weitere Höhepunkte und Auffälligkeiten, die man durchaus erwähnen sollte. So startete der Österreicher Harald Bartol (26), den man eher von der Achtelliterklasse her kannte (die war aber 1977 nicht in Brno im Programm), in der Viertelliterklasse und fiel aus. Der ihn im rechten Bild verfolgende Aldo Nannini aus Venezuela war da schon etwas besser dran, denn ihm gelang am Ende ein 12. Rang. Mick Grant (im Bild unten links), auf reinen Straßenkursen zu hause, war mit einer 250 cc Kawasaki angereist. Ein elfter Platz nach dem Training machte deutlich, daß ihm eine Strecke wie in Brno durchaus behagte. Schon nach der ersten Runde hatte er sich auf den zweiten Platz vorgepirscht, mitten hinein zwischen die Sieganwärter aus Italien. Das ging dann noch drei weitere Runden gut, bis die forsche Gangart von Grant seiner Kawa nicht bekam und er sie an den Rand stellen mußte.
Weniger Freude an dem Kurs in Brno hatte Grant´s Landsmann Barry Ditchburn (Foto rechts). Zwar kam er mit der Empfehlung zweier erreichter dritter Plätze von Imola und Assen nach Brno, aber es war offensichtlich nicht "seine Strecke". An 27. Stelle liegend hatte er in der dritten Runde genug und "strich die Segel". Eine bessere Vorstellung bot da der Ungar Janos Drapal (Foto unten rechts), obwohl es für dem Ungar eigentlich nur um die "Goldene Ananas" ging, sprich bester Fahrer des Ostblocks zu werden. Er klassierte sich zwar punktelos an elfter Stelle. Wer aber beispielsweise noch vor einem Klassefahrer wie John Dodds die Zielflagge passiert, kann kein Fahrer von der schlechteren Sorte sein.
Allmählich rückte ein weiterer Höhepunkt dieses Grand Prix heran, das Rennen der Halbliterklasse. Von den zehn Erstplatzierten in der WM-Wertung fehlte nur der bereits als Weltmeister feststehende Barry Sheene, ohnehin nie ein Freund der Strecke von Brno, sowie der Schweizer Philippe Coulon. Es waren viele Fragen, die der Beantwortung harrten. Die Frage aller Fragen war natürlich die nach den Abschneiden des legendären AGO, dessen Karriere sich langsam dem Ende zu neigte. Wer allerdings einen solchen Mechaniker - Guru wie Nobby Clark (Foto ganz rechts) an seiner Seite hat, braucht, zumindest was die Technik betrifft, erst einmal keine Sorgen haben. Dann war auch noch die Frage, ob es "dem weißen Riese" Wil Hartog aus den Niederlanden gelingen würde, erneut zuzuschlagen? In Assen gelang es ihm sogar, den 1977 für fast unschlagbar geltenden Barry Sheene zu besiegen. Da waren aber auch noch die Amerikaner Pat Hennen und Steve Baker, die berechtigte Siegeshoffnungen haben durften oder auch Finnland´s Dauerbrenner Teuvo Länsivuori. Na ja, Johnny Cecotto aus Venezuela, der sich in bestechender Form befand, sollte hier im Kreis der Favoriten als erster genannt werden, wie seine Trainingsleistung als Schnellster bereits gezeigt hatte. Mit dem bereits erzielten Sieg in der 350 cc Klasse hatte Cecotto noch zusätzliche Motivation, Brno als Doppelsieger zu verlassen. Ausgangs der ersten Runde rauschte Hartog als Führender vorbei, gefolgt von Pat Hennen (linkes Bild, am Ende vierter Platz) und Länsivuori. AGO ließ es als Siebenter etwas ruhiger angehen und Cecotto schien den Start total verschlafen zu haben und passierte nach Runde 1 als Fünfzehnter. Doch er fuhr wie ein Bessesener. In Runde 2 war es schon der fünfte Platz für den Mann aus Venezuela, eine Runde darauf sogar bereits der dritte Platz. Ab Runde vier hatte er die Führung inne und wurde fortan von der Konkurrenz nur noch mit seiner Hinteransicht gesehen. Hartog fiel allmählich bis auf den 6.Platz zurück, um in der drittletzten Runde ganz auszufallen. AGO hatte sich still und leise an einen Podestplatz herangetastet, viele Runden mit dem erstaunlich starken Franzose Michel Rougerie kämpfend, der letzlich glänzender Dritter wurde. Gianfranco Bonera (rechtes Bild) als Trainingsdritter konnte sich als Fünfter ins Ziel schlagen. Immerhin bewahrte er den Abstand zu Länsivuori, der nach dem Training einen Platz hinter Bonera lag. Auch nach dem Rennen lag "Länsi" einen Platz hinter Bonera.

Als Bester der nicht unbedingt zum Favoritenkreis gehörenden Fahrer gelang dem Engländer Steve Parrish ein glänzender siebenter Rang. Von einem der Mitavoriten, Steve Baker, war leider nicht viel zu sehen. Ausfall in der fünften Runde, als er an achter Stelle gelegen hat.Der Österreicher Max Wiener mit Nummer 16 konnte sich mit einem achten Platz recht achtbar aus der Affäre ziehen. Ein anderer Fahrer aus

Österreich, nämlich Karl Auer (Bild oben), schien in seiner Karriere das Pech magisch anzuziehen. Als einziger Fahrer konnte er zum Beispiel 1969 am Sachsenring dem großen Agostini auf der MV in Sichtweite folgen. Dann das aus durch technischen Defekt. Auch beim Jahrgang 1977 in Brno überstand er gerade einmal die erste Runde. Er dürfte zu jener Kategorie Fahrer zu zählen sein, die bei entsprechender finanzieller und technischer Unterstützung zu mehr fähig gewesen wären als sie es letztlich dann waren. Auch diesmal durfte er AGOs letzten Podestplatz seiner Karriere, den aufstrebenden Johnny Cecotto und den Überraschungsdritten aus Frankreich, Michel Rougerie (von links) nur von unterhalb des Treppchens bestaunen.

Sorry, das war noch nicht alles, was es von diesen glänzenden siebenundsiebziger Jahrgangs zu berichten gibt. Das Rennen der Gespannklasse war ja noch angesagt. Allerdings muß ich zu meiner Schande eingestehen, daß ich bei dieser Klasse leider nicht so oft den Kameraauslöser betätigt habe wie in den vorhergehenden Klassen - tut mir sehr leid, liebe Sidecarfans. Mein heutiges Bedauern hilft den Seitenwagenfreunden auch nicht weiter. Immerhin war die WM-Entscheidung in dieser Klasse noch nicht gefallen. Es führte in der Gesamtwertung vor Brno zwar der Schweizer Rolf Biland mit seinem englischen Beifahrer Ken Williams, aber ihr Vorsprung vor dem Engländer Georg O´Dell betrug nur ein einziges Pünktchen. Während =´Dell mehr auf Beständigkeit setzte, galt für Biland offenbar eher das alte Sprichwort: "Sieg oder Sibirien". Wer wollte schon gerne nach Sibirien? So standen für die schweizerisch / englische Paarung vor dem Grand Prix drei Siege zu Buche, aber auch zwei Totalausfälle. Auch das Training war für den Schweizer nicht sonderlich gut verlaufen. Vor ihm hatten sich sechs Gespanne klassiert. Noch schlechter war Georg O´Dell dran, denn der Engländer lag sogar noch zwei weitere Plätze hinter Biland zurück. Wenn auch einige der nach dem Training vorne liegenden Paarungen kaum noch reelle Titelchancen hatten, auf dem Podest wollten sie allemal landen und wenn möglich sogar ganz oben. Diesen besonderen Siegeswillen zeigte vor allem Werner Schwärzel mit Beifahrer Andreas Huber. Mit einem Vorsprung von über 4 Sekunden hatten sie die Konkurrenz fast gedemüdigt. Entsprechend gingen sie, mit der Startnummer 2, auch das Rennen an (Foto oben).Von Runde 1 bis Runde 10 ging dieses Spektakel immer weiter, doch dann kam leider das aus.Relativ unbeeindruckt zeigte sich von Schwärzel´s Blitzstart Altmeister Rolf Steinhausen. Steinhausen hatte Oldie Wolfgang Kalauch als Passagier angeheuert und außerdem, was musste er schon noch beweisen? Immerhin war er der Weltmeister der beiden vorher gehenden Jahre. So routiniert wie das klingt, so fuhren die beiden auch. Sechster Platz noch nach der ersten Runde, bei der nächsten Vorbeifahrt an Start und Ziel bereits Dritter und dann, in Runde 5, kamen "die älteren Herren" bereits als Zweite vorbei. In der vorletzten Runde, nach Schwärzel´s Ausfall, dann der Sprung auf Rang eins, den sie nicht mehr abgaben. Ähnlich routiniert spulten zwei andere Gespanne ihre Runden ab. Siegfried Schauzu mit Youngster Lorenzo Puzo (Startnummer 5) im Beiwagen drehten sorgfältig aber schnell ihre Runden, wurden auch nicht nervös, als der allmählich aufkommende O´Dell hinter ihnen auftauchte und brachten so einen zweiten Platz, clever und sicher ins Ziel. Da half aller Kampf der Engländer nichts. Der, wie wir heute wissen, spätere Weltmeister 1977 muß sich um 99/100 Sekunden geschlagen geben und mit dem dritten Platz vorlieb nehmen - eine Meisterleistung des deutschen Gespannpaares!!! Helmut Schilling mit Co-Pilot Rainer Gundel konnten ihre hervorragende Trainingsplatzierung (sie waren Dritter) nicht ganz umsetzen, aber ein sechster Schlußrang und damit drittbestes deutsches Gespann ist doch im Kreis der Weltelite auch aller Ehren wert.
Doch was war eigentlich mit dem WM-Favoriten aus der Schweiz, Rolf Biland, mit seinem englischen Beifahrer Kenny Williams geworden? Sie kamen anfänglich nicht recht "in die Gänge" - Platz 8 nur nach der ersten Runde, kämpften sich dann bis zur vierten Runde auf Rang 5 vor, um dann in der fünften Runde erneut nur auf den 10. Platz aufzutauchen. Dann ein erneuter Anlauf, sich doch noch weiter vorn zu klassieren. Ihr Einsatz wurde letztlich mit einem 8-Punkte-bringenden vierten Platz belohnt. Da O´Dell einen Platz vor ihnen die Zielflagge sah und damit zwei WM-Punkte mehr kassierte, wurde aus dem 1-Punkt Vorsprung vor Brno ein 1-Punkt Rückstand nach dem Grand Prix. Damit war eigentlich noch alles offen für den letzten noch verbleibenden GP der Seitenwagenklasse 1977 im englischen Silverstone. Wie wir heute wissen, O´Dell konnte sich mit Beifahrer Clive Holland dort erneut als Dritter ins Ziel retten, während Biland mit einem für ihn undiskutablen achten Rang einkam. Leider war es damit nichts mit seinem ersten WM-Titel bei den Sidecars. O´Dell gewann damit seinen ersten und einzigen WM-Titel und das, ohne je einen WM-Lauf in seiner Karriere gewonnen zu haben - Beständigkeit war angesagt.
Ein tolles Rennwochenende, Brno vor fast 30 Jahren, war damit zu Ende gegangen. Irgendwie faszinierend dieser Sport, auch noch nach über 5 Jahrzehnten nach meinem ersten Rennbesuch - selbst wenn die Vorzeichen (siehe erster Teil dieses Rennberichtes) etwas geändert haben. Erfreulichstes Fazit: die Zahl der Opfer, die für ihren geliebten Rennsport ihr Leben lassen mußten ist erheblich zurück gegangen. Bei aller Kritik, die ich im ersten Teil dieses Berichtes an der heutigen Rennatmosphäre geübt habe - das letztgenannte Fazit ist das wichtigste, auch wenn Rennsport immer gefährlich bleiben wird.


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