...der Motorrad Grand Prix 1976 in Brno...


Sicherheit anno 1976
Keine Frage, der Motorradrennsport stand in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts am Scheideweg. Nachdem der Ulster-GP wegen seiner Gefährlichkeit aus der Serie der WM-Rennen gestrichen worden war, hatte viele Spitzenfahrer auch die Tourist Trophy auf der Isle of Man boykottiert und nach 1976 wurde auch die TT als WM-Rennen suspendiert. Am Nürburgring 1974 streikte auch die gesamte Weltelite, sodaß es eigentlich nur eine Frage der Zeit war, wann die letzten reinen Straßenkurse aus dem WM-Kalender gestrichen werden. Zu den "Wackelkanditaten" gehörte auch der Grand Prix von Brno. Es war wohl nur dem Umstand zu verdanken, daß der Grand Prix von Brno die bestbesuchte (200 000 Besucher) Veranstaltung in der Weltmeisterschaft war und deshalb die Streichung aus dem WM-Kalender weniger forciert wurde als anderswo. Zusätzlich tauchten auch erste Gerüchte auf, wonach man schon daran denken würde, einen permanenten Kurs zu bauen. Das geschah ja dann auch, aber eben erst 1987. Glücklicherweise blieben obige Gefahrensituationen ohne ernste Folgen.

Der Veranstalter war allerdings fleißig bemüht, alles damals Mögliche zu tun, um kritische Situationen zu meistern.

viele Starter, auch Doppel- und Dreifachstarts möglich
Für 1976 blieb erst einmal "alles beim alten", denn von den Spitzenleuten hatte eigentlich nur Barry Sheene, der WM-Führende in der Halbliterklasse, seine Nichtteilnahme signalisiert. So konnte der Veranstalter 155 Starter (250 cc=42 350 cc=42 500 cc=40 und Sidecar=31 plus 31 Beifahrer) präsentieren. Dabei muß man wissen, daß in jenen Tagen Doppelstarts, oder wie auf den Bildern unten zu sehen, Dreifachstarts, durchaus möglich waren. Eine tolle Leistung von Dieter Braun aus Deutschland, der in drei Klassen auf drei unterschiedlichen Fabrikaten genannt hatte. Mit seiner Yamaha (Foto unten links) hatte er noch bis zur neunten von 13 Runden das Feld in der Viertelliterklasse angeführt, schied aber dann wegen eines technischen Defektes aus. In der 350 cc Klasse trug ihn seine Morbidelli (Foto unten rechts) auf dem siebenten Platz und in der Halbliterklasse sah er mit der Suzuki von einem weiteren Start ab.

Die Startnummer 1 ohne Glück
Überraschenderweise konnte von den Weltmeistern des Vorjahres der hier gefahrenen Klassen nur Walter Villa voll überzeugen. Er gewann sowohl die 250 cc Klasse als auch die 350 cc Klasse. Johnny Cecotto (unten links) spielte bei dieser Veranstaltung als Weltmeister von 1975 in der 350 cc Klasse eben so wenig eine Rolle wie auch Giacomo Agostini (unten mitte). Suzuki und der Italiener, das passte einfach nicht zueinander. Rolf Steinhausen mit der Nummer 1 auf und Sepp Huber im Gespann retteten da mit Platz 4 noch halbwegs das Image der mit Startnummer 1 angetretenen Fahrer.

Gespann Jansen-SchmitzGespanne in vielen Varianten
Als erfreulich möchte ich bewerten, daß 1976 die Gespanne noch komplett in die Weltmeisterschaft integriert waren und natürlich auch ihre entsprechenden Anhänger unter den Zuschauern hatten. Dabei war nicht nur die unterschiedliche Bauweise der Sidecars (Links- oder Rechtsbeiwagen) interessant, sondern auch, mit welchen technischen Hilfsmitteln man versuchte, gegenüber der Konkurrenz Vorteile zu verbuchen. Sehenswert natürlich auch die unterschiedliche "Arbeit" der Beifahrer. Auf dem rechten Bild sehen wir Ted Jansen mit Beifahrer Erich Schmitz, wie dieser versucht, dem Gespann auf regennasser Piste die nötige Balance zu erhalten.


Ist doch ganz interessant wie die hier abgebildeten Gespanne die nasse Fahrbahn meisterten. Oben links sehen wir die Paarung Helmut Schilling mit Co-Pilot Rainer Gundel (der Sponsor ARO-Teppichböden ist jetzt voll im Fußball engagiert und Hauptsponsor beim 1.FC Nürnberg), daneben Heinz Thevissen mit Fritz Thalmeyer im Beiwagen (interessant der Spoiler im Heck). Unten links sehen wir das Schweizer Gespann Ernst Trachsel mit Werner Stähli und rechts daneben die Italiener Amedeo Zini mit Andrea Fornaro. Beide erhielten von den hier gezeigten Sidecars als einzige zum Rennen WM-Punkte, besser gesagt einen WM-Punkt, sie belegten Rang 10.
Auch Solofahrer haben zu kämpfen
Ein wenig mehr Glück mit dem Wetter hatten die beiden Solofahrer unten, Victor Palomo (links) und Oliver Chevallier. Da war gutes Augenmaß verlangt, um nicht mit den Strohballen zu kollidieren. Doch es gab auch nasse Fahrbahnverhältnisse, bei denen man keinerlei "Schräglagen" erwarten konnte. Da war einfach nur sitzenbleiben angesagt. Ganz unten zu sehen bei (von links) Harald Bartol (A), Leif Gustafsson (S) und Franz Kunz (CH).



Boxendienst vor 30 Jahren
Im obigen Foto sieht alles noch relativ normal aus. Es gab sogar massive Boxen. Aber beim Blick auf das linke Bild dürfte heutigen Funktionären "die Haare senkrecht stehen", obwohl, so schlimm wäre das auch nicht, es ist ja modisch.

Hospitality war schon 1976 bekannt

Spricht man heute von Hospitality, denkt man an klimatisierte, supergroße Mobile mit eigenen Küchentrakt und mehr.
1976 sah das ganz anders aus. Da war der Wohnwagen gleichzeitig auch Hospitality. Eine der gefragtesten und gastfreundschaftlichsten Einrichtungen war seinerzeit jene von Romy und Bruno Kneubühler. Da konnte man in aller Ruhe seinen Kaffee trinken und der Unterhaltung fröhnen. Selbst viele Piloten nahmen sich Zeit für ein Gespräch, oder blätterten, wie im linken Foto der Japaner Takazumi Katayama, interessiert in Fotoalben. 1977 wurde der Japaner als erster Fahrer seines Landes Weltmeister in der 350 cc Klasse. Journalisten, wie im Bild unten Rolf von Niederhäusern mit Bruno Kneubühler, brauchten damals nicht unbedingt eine Hospitality, um mit den Fahrern ins Gespräch zu kommen.

nix Neues, der Zweite ist der erste Verlierer

Während sich um den Sieger Walter Villa ein ganzer "Rattenschwanz" von Leuten bemüht, trabt der hervorragende Zweite Gianfranco Bonera einsam zur Siegerehrung.

Unauffälliges Randgeschehen
In einen Disput verwickelt waren Victor Palomo, der Spanier, sowie Bruno Kneubühler (linkes Foto,rechts), der Schweizer. Der Spanier, nicht gerade für "zimperliche" Fahrweise bekannt, hatte den Schweizer offenbar ziemlich unfair attackiert. Das konnte selbst der sonst so ruhige und ausgeglichene Kneubühler nicht über sich ergehen lassen und sagte "Raudie" Palomo gehörig die Meinung.
Ziemlich überrascht waren die Brno-Besucher, als sie den finnischen Weltklassefahrer Teuvo Länsivuori in der Viertelliterklasse auf einer MZ sahen. Das Tapio Virtanen, auch ein Finne, eine MZ bewegte war bekannt, aber nun Länsivuori... Zum guten Schluß blieb es aber bei Trainingsrunden. Im Rennen pilotierte der Finne den einstmals schnellsten Rennzweitakter nicht.

Für vordere Plätze immer gut...
Wurden für das Rennen der Halbliterklasse über die Favoriten spekuliert, waren ihre Namen nicht dabei. Da fielen, in Abwesenheit des WM-Führenden Barry Sheene ("...die Strecke ist zu gefährlich"), eher die Namen Agostini, Länsivuori, Hennen oder der des italienischen Jungstars Lucchinelli. Doch für achtbare Plätze im Kreis der Privatfahrer sollte es für die oben abgebildeten allemal reichen. So sehen wir oben von links Karl Auer, den Österreicher, den Schweden Bo Granath und Philippe Coulon aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz. Die Vermutung mit den vorderen Plätzen war durchaus berechtigt, wie sich nach Rennschluß herausstellte. Coulon wurde sehr achtbarer Dritter und Auer Vierter. Nur für Granath reichte es nicht in die WM-Punkteränge.
Der weiter oben bereits erwähnte Amerikaner Pat Hennen (Fotos unten) war übrigens einer der symphatischsten Erscheinungen in Brno. Den vor Brno stattfindenden Grand Prix in Finnland hatte er gewonnen - sein erster GP-Sieg - und war schon deshalb in den Favoritenkreis mit einzureihen. Hennen durfte für die Zukunft als aussichtsreicher Anwärter für einen WM-Titel angesehen werden. 1978, bei der Weltmeisterschaft in Führung liegend, wurde ihm ein Start auf der Isle of Man zum Verhängnis. Er stürzte schwer und lag lange Zeit im Koma, aber er überlebte. Allerdings war das das Ende einer hoffnungsvollen Rennfahrerkarriere.


So sah vor 30 Jahren der "Fuhrpark" der Renndienste aus (links) und auch Gespräche, wie hier vom FIM-Delegierten Jo Zeegward (links Werner Schwärzel) fanden teilweise "im vorübergehen" statt.


Gestern und heute traute Einigkeit ist fast nur bei der
Siegerfreude
festzustellen, bei der "das Feuchte" erhalten geblieben ist. Zwar sind die Flaschen etwas größer geworden, aber geschäumt hat es auch schon vor dreißig Jahren. Oben sieht man Walter Villa bei dieser Zeremonie und rechts John Newbold, der soeben seinen ersten, und keiner konnte es ahnen, einzigen GP-Sieg seiner Karriere feierte.
Natürlich kann ein solcher Bericht nur eine "Momentaufnahme" eines ganzen Grand Prix darstellen. Wie sagt man so schön: in der Beschränkung auf das Wesentliche liegt die Kunst. Was aber war und ist eigentlich wesentlich. So habe ich einfach ein paar Bilder (die Qualität bitte ich zu entschuldigen) und Gedanken zu einem Bericht zusammengefasst, der vielleicht ein wenig den Titel meiner gesamten Webseite - Motorradrennsport einst und jetzt - verdeutlichen hilft. In dem Bericht werden leider auch Namen erwähnt, die entweder später verunglückt oder in der Zwischenzeit verstorben sind. Vielleicht ist es mir gelungen, gerade die Erinnerung dieser Protagonisten hochzuhalten, die vielen Rennsportfreunden mit ihren Darbietungen immens viel Freude bereitet haben.
Zum Schluß möchte ich noch die Siegerfotos aller vier 1976 in Brno gefahrenen Klassen und damit die wohl freudigsten Momente eines jeden Fahrers dokumentieren. Hoffentlich dauert die Ladezeit für Besucher, welche noch keinen DSL-Anschluß haben nicht zu lang. Bei den vielen Fotos könnte das passieren, wofür ich aber um Verständnis bitte.

Palomo (E) - Bonera (I) - Villa (I) - Katayama (J) - Kneubühler (CH) Sieger Klasse bis 250 cc

Korhonen (SF) - Palomo (E) - Villa (I) - Herron (IRL) - Mortimer (GB) - Sieger Klasse bis 350 cc

Auer (A) - Länsivuori (SF) - Newbold (GB) - Coulon (CH) - Wiener (A) - Sieger Klasse bis 500 cc

Steinhausen - A.Huber - Schwärzel (alle D) - Matile - Schmid (beide CH)- Williams (GB) - Biland (CH) - O´Dell - Arthur (beide GB) / leider links nicht sichtbar S.Huber / Sieger Klasse Sidecar

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